INFOBLATT DER FREUNDE ABRAHAMS E.V.
Inhalt
Editorial
Berichte - Notizen - Tipps
Die "Gute Nachricht"
Buchbesprechung
Veranstaltungskalender
EDITORIAL:
INTERRELIGIÖSE BEZIEHUNGEN - TRAUMA ODER TRAUM?
Freunden eines interreligiösen Dialogs bläst gegenwärtig der Wind ins Gesicht. Umfragen ergaben, dass man in unserem Land weithin der Meinung ist, vom Islam gehe eine zunehmende Gefahr für unsere Gesellschaft aus. Dabei macht man keinen klaren Unterschied zwischen den sogenannten Islamisten, womit man früher Fachleute für Islamwissenschaft meinte, heute aber den radikalen und militanten Flügel innerhalb der muslimischen Länder, aber auch hierzulande, anspricht. Diese, mit dem nicht ganz zutreffenden Ausdruck 'Fundamentalisten' belegten Eiferer geben zwar vor, auf der Basis des Koran zu stehen, stützen sich aber ausschließlich auf gewaltorientierte Texte, von denen es im Koran einige gibt, wie auch in den heiligen Texten der Tora (5 Bücher Mose), der Nebiim (Propheten) und der Ketubim (Weisheitsbücher) im Judentum, den Schriften des sogenannten Alten und des Neuen Testaments im Christentum. Vor allem aber nehmen die 'Fundamentalisten', die es in allen Lagern gibt, eine Tradition in Anspruch, die sich in den letzten Jahrhunderten gebildet hat, ohne wirklich die Fundamente des jeweiligen Glaubens zu verstehen und zu vermitteln. Ist dies ein bleibendes 'Trauma'?
Alle drei 'abrahamitischen Religionen' wollen Abraham als den Vater des Glaubens auf ihre Seite ziehen, vielfach ohne zu bedenken, dass 'Abraham' nicht eine verfügbare Wachsfigur ist, an der man nach Gutdünken formen und modellieren dürfte und darf. 'Abraham' steht trotz aller Differenz und Vereinnahmung in den Schrift- und Auslegungstraditionen letztlich als Gestalt eines Sehers da, der zur Welt Gottes aufschaut und von daher die Orientierung an dem Einen und Einzigen gewinnt. 'Abraham' zu folgen, hieße dann, sich von dem Traum leiten zu lassen, dass Gott selbst den Prozess des Dialogs weiterführt und zu einem guten Ende bringt.
Nun aber stehen wir scheinbar vor dem Scherbenhaufen nationaler und internationaler 'Friedenspolitik', ein Trauma für alle Menschen guten Willens. Da ist es wie ein Zeichen von oben, dass das Islamische Dialogzentrum (IDIZEM) in München u. a. auch den 'Freunden Abrahams' einen 'Dialogpreis' überreicht hat. Die ausgestreckte Hand dankbar zu ergreifen und festzuhalten im Glauben an den Allmächtigen und Allgütigen ist nicht nur ein Traum, sondern real existierendes Vertrauen.
Manfred Görg
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IDIZEM-DIALOGRPREIS FÜR DIE FREUNDE ABRAHAMS
Die Freunde Abrahams e.V. wurden für ihren Einsatz um Verständigung zwischen den Religionen erstmals mit einer Auszeichnung gewürdigt: Das Interkulturelle Dialogzentrum in München e.V. (IDIZEM) feierte am 7. Juli 2006 sein fünfjähriges Bestehen im Kulturzentrum Riem-Arkaden und vergab aus diesem Anlass Dialogpreise an Einzelpersonen und Institutionen. Wir danken unseren Freunden von IDIZEM, gratulieren zu dem gelungenen Fest und freuen uns auf weiterhin gutes Zusammenwirken für eine friedliche Zukunft!
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BRÜCKE ZWISCHEN WELTEN - ISTANBUL
eine 5tägige Reise der Freunde Abrahams e.V. und IDIZEM e.V. im Herbst 2005
von Albrecht Busch
Hippodrom, Hagia Sophia, Sultan-Ahmed-Moschee, Topkapi-Serail, Sultan-Suleiman-Moschee, Chora-Kloster, große Zisterne, Archäologisches Museum, Hammam, Köfte, Ayran, Bosporusfahrt, ... so liest man eine Istanbul-Reise und so haben die Teilnehmer unter Führung von Dr. Wimmer, Isa Güzel und Yunus Irmak sie auch erlebt. 'Auch', denn wichtiger noch waren die Gespräche und Begegnungen. Die mitfahrenden Freunde von IDIZEM e.V. (Interkulturelles Dialogzentrum München) sowie die Stiftung der Schriftsteller und Journalisten, in Istanbul haben sie ermöglicht. Ja, sogar das türkische Fernsehen interessierte sich am 3. Oktober, dem Beginn der EU-Aufnahmegespräche, im großen Bazar in Interview und Bild für die Reisegruppe der Freunde Abrahams.
Jeden Morgen wird das Frühstück in der aufgehenden Sonne auf der Dachterrasse des Hotels serviert und man genießt den großartigen Blick über das Hippodrom auf die Hagia Sophia und die Sultan-Ahmed-Moschee, den Bosporus und drüben auf den Vorort Kadiköy, das ehemalige Chalcedon.
Am Sitz des Ökumenischen Patriarchen der Orthodoxen Kirche, Bartholomaios, im Blachernenviertel zeigte der Pressereferent in bestem Deutsch zunächst die Kirche mit den drei Heiligengräbern. Eine prächtige Ikonostase trennt den Altarraum vom Gemeinderaum. Alte Ikonen schmücken die Wand. Ein besonderer Thron rechts ist dem Patriarchen von Konstantinopel (Ost-Rom) vorbehalten, ihm gegenüber ein gleich hoher Thron dem Patriarchen von (West-)Rom, falls er zu Besuch kommt; im Jahre 2006 scheint ein solcher Papstbesuch möglich. Der Referent lässt unangenehme Themen nicht aus, insbesondere nicht die Schwierigkeit der Bildung von Kirchenstiftungen und die Behinderungen bei Versorgung und Verwaltung von orthodoxen Gemeinden.
Das Patriarchat Konstantinopel der armenischen Kirche im Stadtteil Kumkapi zeigt zunächst den bescheidenen Prunk des Patriarchensitzes. Im Glasfenster rechts jener Hl. Gregor, der das Christentum 280 n. Chr. in Armenien eingeführt hat und links der Hl. Mesrop, der um 400 die armenische Schrift schuf und die Bibel übersetzte. 451 n. Chr. erkannte die Armenische Kirche aber das Konzil von Chalcedon ('unvermischt und ungetrennt') nicht an. In Istanbul gibt es 13 Gemeinden und 17 Kirchen, zu viele Kirchen also um sie zu erhalten. Und in der übrigen Türkei? Leider keine Gemeinden und keine Kirchen, aber 'politische Fragen werden nicht beantwortet'.
Die Begegnung mit Istanbuls jüdischem Erbe beschränkte sich auf ein kleines, in einer ehemaligen Synagoge untergebrachtes Museum im Galata-Viertel mit reicher Information über die einst große und blühende jüdische Gemeinde einer Weltstadt; auch über die vielen deutschen Juden die mit dortiger Hilfe dem Holocaust entkommen sind.
Überraschend war das Abendessen anlässlich des Informationsgesprächs bei der Stiftung der Schriftsteller und Journalisten, die sich den Dialog zwischen den abrahamitischen Religionen zum Ziel gesetzt haben: Der Vizepräsident berichtet von Aufgabe und Tätigkeit, von großen Symposien und lädt zum dialog eurasia für 2006 ein. 'Oh, wir haben Sie zum Kaffee erwartet!' - Missverständnis - aber in Windes Eile stand ein herrliches Diner für die ganze Gruppe da. Das ist türkische Gastfreundschaft, auch türkische Improvisationsgabe!
Muslimische Wallfahrtsstätten: Herrlich gelegen auf der asiatischen Seite, wo der Bosporus schon ins Schwarze Meer übergeht, hoch oben im Wald eine kleine Moschee, ein Kiosk für Andenken und zwei zur Verpflegung, und das Grab des Propheten Josua, eines 'großen' Propheten, 17 m lang ist sein Grab, und um das Prophetengrab herum viele Privatgräber. Ja, und zufällig begegnen sich an der Wallfahrtsstätte zwei Brautpaare: ein freudiges Hallo, die Bräute umarmen sich und lachen, und beide Gesellschaften gehen wieder ihrer Wege. Ich überlege, was zwei Bräute auf dem Hohenpeißenberg getan hätten.
Im Stadtteil Eyüb, am Goldenen Horn, verehren die Muslime das Grab des Prophetengefährten Abu Eyüb. Ein malerischer Moscheenbezirk, ein wunderschöner Hof, eine besonders einladende Moschee. Viele Beter, die Ruhe ist zu spüren. Jetzt im Ramadan treffen sich die Gläubigen vor Sonnenaufgang zum Frühstück in den umliegenden Großrestaurants, die eigens dafür gerüstet sind. Aber auch für den Abend ist man gerüstet, wenn nach dem Iftar-Fastenbrechen-Essen das ganze Viertel noch auf den Beinen ist, um sich bei Zuckerwatte, Süßigkeiten, Vanillegetränk, Fleischbällchen, Kaffee und Glimmerglitzer in alkoholfreier Ausgelassenheit zu freuen.
Höhepunkt türkischer / islamischer (ach, könnte man das leichter trennen!) Gastfreundschaft und Höhepunkt der Reise war das Iftar-Essen am ersten Ramadan-Abend. In einem arabischen Restaurant war Wochen vorher bestellt worden, ein Teil des großen Raumes war für türkische Freunde und die deutsche Gruppe reserviert. Plätze einnehmen, Warten, Uhrenvergleich, wie Weihnachten - jetzt - da steht von unseren muslimischen Freunden der Imam auf und ruft, schreit, singt kehlig einen Segensruf; auch die übrigen Gäste im Lokal werden ruhig und halten ein, wo sie doch endlich zu essen beginnen wollten. Die Tische biegen sich, ein wenig Englisch zwischen den deutschen und den immer mehr türkischen Tischgenossen - ein Stuhl hat schon noch Platz. Dann noch einmal ein so unnachahmlicher Ruf in vielen Strophen durch den Imam, und Dr. Wimmer dankt für den sorgsam gewählten Koranvers (Nr. 49,13) 'Wir danken dir Gott, dass du uns als Mann und Frau geschaffen hast, als Menschen verschiedener Länder und Völker, so können wir zueinander in Beziehung treten.' Da war das Eis gebrochen. Die christlichen (oder ist hier 'deutschen' einzusetzen?) Teilnehmer danken mit dem Vaterunser. Die Muslime nehmen währenddessen ihre Gebetshaltung ein, die sich mit den leicht nach unten geöffneten Händen auch bei uns zum Vaterunser durchsetzt, '... Amen'. 'Amin?' fragt mein Gegenüber: ja, dasselbe Bekräftigungswort, dieselbe Gebetshaltung, dieselben Bitten um 'Dein Reich komme, Dein Wille geschehe'. Ob dann jener eine Gott wohl recht unterschiedlich ausschaut, zu dem man betet? Dem edlen Spender des Iftar-Essens, der auch den Ney-Spieler eingeladen hat, ein herzliches Vergelt's Gott.
Ein ganz besonderes Vergelt's Gott den IDIZEM-Mitgliedern, die uns unter Verzicht auf ihren Urlaub Land und Religion ihrer Väter gezeigt haben. Ebensolcher Dank dem Brückenbauer Dr. Stefan J. Wimmer.
Es sei noch auf die Blätter Abrahams Nr. 4 / 2005 verwiesen, in denen zwei Artikel von Stefan Wimmer im Nachklang der Istanbul-Reise zu finden sind: 'Vom Nil zum Bosporus' und 'Abrahams Kochtopf'.
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TAGESAUSFLUG NACH PENZBERG
von Albrecht Busch
Penzberg ist heute ein oberbayerisches Tourismus-Städtchen mit 16.000 Einwohnern in schönster Landschaft, keine Stunde nach München. Vor 50 Jahren gab es dort noch nicht einmal die Verkehrsampel an der Hauptkreuzung; der Abbau der Oberbayerischen Pechkohle ging dem Ende zu, er war nie recht rentabel. Vor bald 100 Jahren war Penzberg ein kleiner Ort, dessen kommunistisch-sozialistisch besetzter Gemeinderat die Gunst der Räterepublik nutzte, 1919 das Stadtrecht zu erwerben. Vor gut 150 Jahren hat Penzberg als kleine Bergarbeitersiedlung neben der Abraumhalde angefangen. Anders als in Peißenberg oder Hausham gab es aber vorher keine landwirtschaftliche Bevölkerung am Ort.
Die proletarische Geschichte - 1933 wählten nur 16 % die NSDAP - ist vorbei, Industrie und Dienstleistung haben sich angesiedelt, Nordlichter und Türken, Ex-Jugoslawen und Albaner und Münchener Pendler sind zugezogen. Sie wurden und haben sich integriert. Die spannende Geschichte dieser Integration(en) haben die Freunde Abrahams am 1. Juli 2006 erleben dürfen: Im Stadtmuseum, in der 'Blauen' Moschee und in der Wallfahrtskirche im Heuwinkel.
Vormittags öffnete die wunderbare Führung durch Frau Gisela Geiger im Stadtmuseum Einblicke in die Orts- und Sozialgeschichte sowie in die ehemaligen Verhältnisse von Bergarbeitern. Auch vermittelte sie die Katastrophe des 28. April 1945, als - zwei Tage zu früh - der ehemalige Stadtrat von vor 1933 den NSDAP-Statthalter auf Grund einer unsicheren Kapitulationsmeldung absetzte, was noch am selben Tag zu einer Werwolf-Aktion mit 16 Toten führte. Das 60-Jahres-Gedenken im vorigen Jahr zeigte, dass das nachbarschaftliche Nebeneinander von Tätern und Opfern und von deren Nachkommen noch heute auf dem Ort lastet. Durch Kunstausstellungen hält Frau Geiger das Museum aktuell, z. Zt. mit einer Ausstellung von Michael v. Brentano, der sich als Romantiker-Nachkomme mit der Grenze zwischen Kunst und Kitsch beschäftigt. Schließlich zeigte sie in der Ortskirche St. Barbara die Glasfenster von Heinrich Campendonk, einem Wahl-Penzberger und Mitglied des Blauen Reiter.
Die Moschee - das Hauptziel des Ausfluges - wurde von der dortigen multi-nationalen (!) muslimischen Gemeinde geplant und gebaut. Der in Europa lebende ägyptische Architekt errichtete 2003 den modernen Bau bewusst ohne Orientalismen. Die Qibla, also die Richtung Mekka weisende Wand, gibt durch ihr blau durchschimmerndes Glas dem zweistöckigen Raum angenehmes Licht. Mihrab und Minbar sind ebenso wie das zarte Minarett aus kalligrafisch geschnittenem Edelstahl, Wand und Decke werden durch die Schriftzüge der 99 Namen Gottes geziert.
Ein großes Sozialzentrum mit öffentlicher Bücherei schließt sich an für den deutschen und arabischen Sprachunterricht, für christlich-muslimische Begegnung, für die Almosenverwaltung, als E-Medresa etc. Die Gemeinde hat den mehrsprachigen Imam Benjamin Idriz für sich gewinnen können. 'Legt Blumen vor die Türen der Botschaften, nicht Bomben, sonst beschädigt Ihr den Namen Gottes' ruft er seinen muslimischen Brüdern zu und 'Für eine gelingende Integration in Deutschland brauchen wir die Ausbildungsmöglichkeit für Imame an deutschen Universitäten' sagt er den herzlich empfangenen Gästen. Seine Frau, ebenfalls Muslima und studierte Sozialpädagogin, leitet das Sozialwesen der jungen Gemeinde. Weitere Informationen unter www.islam-penzberg.de
Was wäre Oberbayern ohne ein zünftiges Wirtshaus - Schönmühl an der Loisach mit einer kühlen Halben - und ohne ein barockes Wallfahrtskircherl? Im Heuwinkel erklärte Dr. Wilhelm Zohner das Baukonzept und den kunstvollen Wessobrunner Freihandstuck der Weilheimer Stuckatoren von 1700. Abseits der Autobahn und der Landstraße und mit dem Bus gar nicht erst erreichbar steht dies Juwel zwischen Penzberg und Iffeldorf den Betern offen.
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LEBEN UND STERBEN IM ISLAM -
EINE HERAUSFORDERUNG AN DIE 'WESTLICHE WELT'
Zum Vortrag von Dr. Rupert Neudeck
von Andrea M. Gramann
Rupert Neudeck wäre wohl nicht er selbst, ließe er sich von einem Vortragstitel einengen. Natürlich könne er über Leben und Sterben im Islam sprechen, habe auch ein Manuskript dabei, doch viel wichtiger fände er im Moment andere Fragen. So werde ich hier diese 'anderen' Aspekte als Denkanstoß kurz anreißen, der geplante Vortrag von Rupert Neudeck wird in den Blättern Abrahams erscheinen.
Er frage sich, weshalb wir in Sachen Islam stets nach der Türkei blickten. All die Aufnahmediskussionen in die EU, über den Umgang mit den Muslimen, muteten ihn seltsam an. Nichts gegen die Türkei und nichts gegen deren EU-Beitritt. Doch der Islam, auch gerade der orientalische, habe so viele Facetten, dass man vom gelebten Islam eines Landes nur schwer auf den eines anderen schließen könne.
Weshalb sich also auch in der innerdeutschen Auseinandersetzung mit den hier lebenden Muslimen nicht umsehen nach einem vertrauteren, uns eingängigerem Islam? Einem europäischen Islam! Ein europäischer Islam? Neudeck blieb die Erklärung nicht schuldig. Ja, es gäbe ihn, den modernen, europäischen Islam, der die uns vertrauten Werte als Basis habe! Dazu müssten wir lediglich nach Bosnien blicken, wo er gelebt wird, wo Extremisten orientalischer Prägung keinen Einfluss hätten. Warum aber ist uns Sarajevo so unvertraut? Weil wir es stets nur als Teil des Balkan betrachten würden, nicht als Teil Europas, was es jedoch aus der Historie heraus zutiefst ist.
Ein weiterer Punkt war der Hinweis, deutlich zu unterscheiden, was Tradition und was Religion ist. Manches uns erschütternde, etwa im Umgang mit der Frau, hat nichts mit der Lehre der Religion zu tun, sondern mit einer gelebten Tradition, die oft nachgerade im Gegensatz zur Lehre steht. Etwa, wenn eine Frau wegen angeblich unziemlichen Verhaltens umgebracht wird. Und Neudeck schilderte lebendig den Zwiespalt, in den so ein Mörder, ein Vater, kommen kann, wenn der Imam ihm vor Augen führt, dass er gegen das zentrale Gebot des Nichttötens verstoßen habe: Sure 5 Vers 32: 'Wer einen Menschen ermordet, hat gleichsam die gesamte Menschheit getötet. Wer ein Leben rettet, rettet damit die gesamte Menschheit'.
Und Neudeck rüttelte auf: wo bleiben unsere Proteste gegenüber den USA angesichts der Menschenrechtsverletzungen in Guantanamo als Spitze des Eisbergs und in den vielen anderen Lagern? Er forderte auf zu einer reflektierten Sicht der USA, die an vielen Stellen mutig Gutes tun, humanitäre Einsätze fliegen, wo andere längst der Mut verlässt oder die Vorsicht siegt, die aber auch gewaltige Schattenseiten haben.
Inhaltlich in wunderbarer Weise bestätigt und erlebbar wurden die Aussagen von Rupert Neudeck beim Ausflug der Freunde Abrahams nach Penzberg und dem Besuch der islamischen Gemeinde. Dort, knapp eine Autostunde vor den Toren Münchens, wird ein gläubiger und doch weltoffener europäischer Islam gelebt!
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KATHOLISCHE KIRCHE UND JUDENTUM - EINE PROBLEMATISCHE GESCHICHTE
Zum Vortrag von Prof. em. Dr. Georg Denzler
von Andrea M. Gramann
In den ehrwürdigen Hallen der LMU, dem Ort des Widerstands der Weißen Rose gegen den Nationalsozialismus, gleichzeitig aber auch einem Ort, an dem kirchenkritische Töne bislang kaum erklangen, sprach der Kirchenhistoriker Georg Denzler deutlich reflektiert über das Verhältnis zwischen Katholischer Kirche und Judentum. Kein bloßes Herziehen über Kirche und Kirchenobere, sondern auch ein Geraderücken falscher Anklagen gegen diese Kirche und speziell auch gegen die Päpste.
Nach einem historischen Abriss definierte Denzler zwei oft parallel gebrauchte Begriffe: Unter Antisemitismus ist die rassistisch-biologistisch begründete Ablehnung von Juden zu verstehen - eine Ideologie, die im 19. Jh. entstand und die Eliminierung der jüdischen Rasse zum Ziel hatte. Davon zu trennen ist der Antijudaismus, der, religiös motiviert und von Bibelworten gestützt, Juden von jeher als Ungläubige und Gottesmörder ablehnt.
Denzler streifte Beispiele der Judenvernichtung früherer Zeit nur am Rande. Greueltaten wie die Straßburger Judenverbrennung 1349 oder das Massaker in Sevilla 1391 sind hinreichend bekannt. Wenig Wissen aber ist über die doppelte Schutzherrschaft der Päpste verbreitet, die seit der Spätantike, seit Papst Gregor dem Großen, belegt ist. Diese sollte die Christen vor den Gefahren für ihr Seelenheil schützen, die von jüdischer Seite ausging. Umgekehrt aber sollten die Juden, als die noch nicht zur rechten Erkenntnis gelangten Vorgänger im Glauben und als 'Freunde Gottes' vor Übergriffen der Christen geschützt werden. Leider sah das in der Praxis häufig anders aus, da die Bischöfe in ihren Bistümern oft eigenmächtig und auch gegen den Standpunkt der Päpste handelten. Dieser doppelte Schutzauftrag verlor seine Bedeutung erst in der Neuzeit, im Zusammenhang mit Reformation, Aufklärung und Französischer Revolution und ging einher mit dem politischen Machtverlust des Kirchenstaats.
Kirchenkritisches wurde hingegen aufgezeigt am Beispiel des Münchner Kardinals Faulhaber und anderer Prediger. Speziell Faulhaber galt vielen bislang als mutiger Verteidiger des Judentums. Zwar war er ein Gegner der nationalsozialistischen Rassenlehre, doch vertrat er auch den uralten Kirchenantijudaismus, wie er schon 1896 in seiner Dissertation gezeigt hatte. In Lehr- und Kirchenamt hat er Studenten und Diözesanen mit seiner zutiefst antijüdischen Theologie infiziert und indoktriniert.
Die Beziehung zwischen Christen und Juden suchte eine Vereinigung zu verbessern, die 1926 innerhalb der Kirche als 'Amici Israel' gegründet, jedoch bald wieder verboten wurde. Immerhin gelang es ihr, die Kirche mit ihrem Antijudaismus zu konfrontieren und 1928 zu einem Dekret gegen diesen Hass zu bewegen. 1959 wurde dann das diffamierende Adjektiv 'perfidi', 'treulos', aus dem Karfreitagsgebet gestrichen. Doch erst mit dem II. Vatikanischen Konzil und der heftig umkämpften Erklärung 'Nostra Aetate' wurde 1965 eine substantiell neue Phase im theologischen Verständnis der jüdischen Religion und im Zusammenleben von Christen und Juden eingeleitet.
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BRIEFE AUS ISRAEL
Stefan Jakob Wimmer hat auch dieses Jahr für die Freunde Abrahams an den Ausgrabungen der Philisterstadt Gat auf dem Tell es-Safi in Israel teilgenommen. Die Eskalationen im Gazastreifen waren im Gang, Krieg im Norden und im Libanon kam hinzu. Wir geben hier in gekürzter Fassung seine Berichte wieder, mit denen er Freunde und Bekannte auf dem Laufenden gehalten hat.
Jerusalem, 8.7.2006
Vorigen Sonntag bin ich hier in Jerusalem angekommen. Ich komme unter in einem Gästezimmer des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft, auf dem Ölberg. Eine Institution, die mir sehr gut bekannt ist; während meiner Studienzeit in Jerusalem habe ich hier öfters mitgearbeitet und auch hier gewohnt, wenn der Direktor mal verreist war. Es verbinden sich viele Erinnerungen an diesen Ort. Das ist nun schon fast 20 Jahre her, und seitdem ist viel Wasser den Jordan hinabgeflossen.
Die Stimmung im Land ist nicht anders als immer. Von den Schrecklichkeiten in Gaza erfährt man aus den Medien. Es ist immer wieder die gleiche Erfahrung: nach Allem, was man bei uns in den Nachrichten verfolgt, stellt man sich ein unerträglich gespanntes und gefährliches Land vor - während vor Ort davon nichts wirklich akut zu spüren ist. Ich besuche die Museen, neue Ausgrabungen, meine alte Universität, viele Bekannte, und habe auch schon einen Ausflug nach Ramallah gemacht und dort - völlig problemlos! - am Amtssitz von Präsident Machmud Abbas das Grab von Yassir Arafat besucht.
Es ist eher der Eindruck von Zerrissenheit, den Jerusalem, und das Land insgesamt, immer stärker vermittelt. Ganz massiv optisch manifest durch die Mauer, die auch von hier, vom Institutsgarten aus, in nächster Nähe sichtbar hinten um den Ölberg herum kriecht, wie ein bedrohliches Reptil. Dabei wäre das Panorama sonst großartig: über die Judäische Wüste bis hinunter in den Jordangraben und zum Toten Meer, und an klaren Tagen hinüber nach Jordanien, wo oben auf etwa gleicher Höhe, in Amman, meine Frau Samaher und die Kinder bei den Schwiegereltern untergebracht sind. Nachts kann ich von hier aus die Lichter der Vororte von Amman erkennen. Zum Glück gibt's Telefon und SMS...
Morgen beginnt die Grabung. Ich werde dann im Kibbutz Revadim wohnen, nahe am Tell es-Safi, wo wir graben, etwa 30 km südwestlich von Jerusalem.
Kibbutz Revadim, 12.7.2006
Aus aktuellem Anlass sollte ich mich wieder melden, zumal ich gerade über Satellit die Nachrichten aus Deutschland im TV gesehen habe. Daraus könnte man den Eindruck gewinnen, dass hier alles immer noch bedrohlicher würde.
Daher ausdrücklich nochmal: Wir erleben hier, in dem Teil Israels, in dem wir uns aufhalten, NICHTS von einer Bedrohung. Die meisten Teilnehmer der Grabung wissen gar nichts von der Eskalation an der libanesischen Grenze.
Die Grabung hat am Sonntag begonnen. Die Unterkunft im Kibbutz ist wunderbar, man könnte sich fühlen wie im Urlaub (wenn man nicht jeden Tag um 4.45 Uhr aufstehen müsste...). Und - es ist kaum zu fassen! - heute bereits haben wir wieder eine kleine, beschriftete Scherbe gefunden, so ähnlich wie letztes Jahr (die dann weltweite Schlagzeilen als so genannte 'Goliat-Inschrift' gemacht hat...). Diesmal handelt es sich um eine leider ganz schlecht erhaltene Zeile in Tinte, und zwar in ägyptischer, hieratischer Schrift. Ich sollte also, nach einigem Kopfzerbrechen, in der Lage sein, das Gekritzel zu lesen. Dazu hoffentlich mehr in der nächsten Rundmail!
Kibbutz Revadim, 16.7.2006
Da die Nachrichten immer schlimmer werden, noch einmal ein Wort zur Lage hier.
Inzwischen ist es sicher nicht mehr so, dass einige der Volontäre hier gar nichts von den Vorgängen mitkriegen. Die Nachrichten werden intensiv verfolgt. In manchen Medien ist von 'Krieg' die Rede, wobei aber Krieg im Libanon gemeint ist. In Israel herrscht kein Kriegszustand. Angriffe, wie sie jetzt massiv im Norden Israels passieren, kamen ja leider auch früher schon vor, zuletzt sehr heftig vor 10 Jahren. Neu ist, dass auch Haifa und Tiberias beschossen werden. Die Stimmung im Land ist, dass diesmal die Infrastruktur der Hisbollah ein für alle mal zerstört werden soll, damit der Norden Israels nicht immer wieder Bunkernächte erlebt - lieber jetzt aussitzen, und dann langfristig Ruhe. Niemand in Israel scheint einen vorzeitigen Waffenstillstand zu wollen, der doch nur bedeuten würde, dass es früher oder später wieder weiterginge. Ob diese Rechnung aufgehen kann, ist eine andere Frage. Man will offenbar den Libanon zwingen, die Hisbollah zu bändigen; an einer Eskalation darüber hinaus, etwa einer Einbeziehung Syriens, oder gar Irans, ist aber (hoffentlich) niemand ernsthaft interessiert.
Wie auch immer, hier bei uns auf der Grabung und im Kibbutz kann nach wie vor von einer akuten Bedrohung absolut keine Rede sein. Wir liegen hier weit südlich der von den Raketen der Hisbollah gefährdeten Zone im Norden, und gleichzeitig weit genug nördlich des Gazastreifens, um auch gut außer Reichweite des fortgesetzten Beschusses dort zu sein. Sogar noch sicherer ist Jerusalem, denn kein Islamist wird je auf die heilige Stadt des Islam zielen.
Dennoch - die Stimmung ist freilich von all dem heftig betroffen. Die Grabung ist enorm interessant, und wir 'vergraben' uns sozusagen in der Archäologie; ich sitze am Abend vor meinem Zimmer, grüble über unserer Inschrift, bei einem Glas Wein oder Bier (auch als Zeichen des Protests gegen Hisbollah...!), sehe direkt vor mir den Mond zwischen den Bäumen des Kibbutz aufgehen - aber höre, von fern und ganz dumpf, die Explosionen in Gaza, und klebe an den Nachrichten. Schön ist das nicht!
Kibbutz Revadim, 29.7.2006
Schon sind fast zwei Wochen vergangen seit der letzten Rundmail. An der Situation im Land hat sich nichts geändert. Hier fliegen weiterhin Tag und Nacht die Kampfhubschrauber und Düsenjäger, manche in Richtung Süden (Gaza), andere nach Norden (Libanon). Heute hat sich einer der in meinem Areal eingesetzten israelischen Mitarbeiter für das Wochenende verabschiedet; ein sehr netter, junger Kerl, der diese Woche seine Frau und sein kleines Kind zu Besuch hier hatte. Ob er nächste Woche wieder kommen kann, ist nicht sicher, denn er rechnet damit, eingezogen zu werden. Die Stimmung im Land ist nach wie vor so, dass man diesen Krieg zu Ende führen will. Die unschuldigen Opfer im Libanon bedauert man, doch alle Schuld sieht man bei Hisbollah. Und daran ist ja immerhin richtig, dass es diesen Krieg (und manch anderen!) nicht gäbe, wenn die Araber den jüdischen Staat einfach nur in Ruhe ließen! Entsprechend wenig Verständnis hat man für die massive Kritik an Israel aus der ganzen Welt - aus Ländern, deren Existenz niemand in Frage stellt.
Weiterhin gilt auch, dass wir hier in keiner Weise akut von einer Gefährdung betroffen sind. Die Grabung geht am Sonntag in die vierte und letzte Woche. Die Saison heuer ist überaus erfolgreich verlaufen. Es haben sich eine ganze Reihe neuer Erkenntnisse für den Tell es-Safi, und für die Philisterforschung, ergeben. Auch mit der hieratischen Scherbe bin ich zu einer Lesung gekommen, die nur ein Vorschlag bleibt, weil die Inschrift so arg fragmentarisch und schlecht erhalten ist, die aber ganz überraschend interessant ausfällt: demnach ist von einem 'Fürsten von Safi[t]' die Rede, sodass wir den Ortsnamen unseres Tells (die Grabungsstätte heißt arab. Tell es-Safi, hebr. Tel Zafit) gefunden hätten, der - und das ist das Neue daran - bis in die Spätbronzezeit zurückreicht. Auch mehrere ägyptische Skarabäen wurden gefunden; einer davon trägt einen kurzen Vers, der schon vor vielen Jahren für ein identisches Stück von Prof. Görg bearbeitet wurde: 'Mein Herz findet keine Zuflucht, außer bei Gott (=Amun-Re)'. Schon vor über 3000 Jahren haben Menschen das hier so gesehen.
Nächste Woche wird nur noch an den ersten zwei Tagen gegraben; dann wird viel fotografiert, gezeichnet, aufgeräumt, in Magazine verfrachtet und die Areale bis nächstes Jahr hergerichtet. Mir stehen einige Tage intensive Schreibarbeit mit der Dokumentation meines Grabungsareals bevor, bis ich dann zur Familie nach Amman in Jordanien fahren kann, von wo aus wir alle gemeinsam am 9.8. nach Hause fliegen. Mit besonderem Bezug zu dem oben angesprochenen israelischen Kollegen bin ich froh, in ein Land heimkehren zu können, das seine Kriege (hoffentlich!) ein für alle Mal hinter sich hat.
Siehe auch den folgenden Beitrag 'ZWEI BERGE KÖNNEN SICH NICHT TREFFEN'.
Stefan J. Wimmer wird am 14.12.2006 über die Grabungen, über die Erfahrungen im Land und darüber hinaus, berichten (siehe Veranstaltungen).
Zu den Grabungen in Tell es-Safi/Gat siehe ferner www.philisterprojekt.info
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'ZWEI BERGE KÖNNEN SICH NICHT TREFFEN'
Eine abrahamische Begegnung im Terebinthental
von Stefan Jakob Wimmer
Vom Tell es-Safi aus zu sehen, unweit südlich in dem Tal, das die Bibel nach den dort wachsenden Terebinthenbäumen benennt, und das sie als Bühne für den Zweikampf zwischen David und Goliat beschreibt, hatten während unserer Grabungen Beduinen ihr Zelt aufgeschlagen. In dieser Region Israels vermutet man sie kaum, denn die Gegend ist relativ grün und fruchtbar, die Ländereien gehören alle den umliegenden Kibbutzim.
Ein paar der Volontäre, die bei der Grabung mitarbeiteten, signalisierten Interesse, und so brachen wir an einem Spätnachmittag nach der Arbeit, in kleiner, international besetzter Gruppe, zu einem Besuch auf. Die Gastfreundschaft - einer der Grundzüge auch der biblischen Abrahamsgestalt - ist bei Beduinen sprichwörtlich, und so war nicht überraschend, dass der Herr des (Zelt-)Hauses auf den Gruß 'Frieden über Euch!' die unerwarteten Gäste ohne Zögern hereinbat. Wir setzten uns auf Matten nieder, Tee und Ziegenkäse gingen rum. Während sich die Frau hinter einem Vorhang, der das Zelt in zwei Räume teilte, weitgehend verborgen hielt, spitzten die Kinder immer wieder neugierig zu uns herüber. Abu Muhammad, der Gastgeber, ein alter Mann, bald Urgroßvater, wie er erklärte, hatte sonnengegerbte, braune Züge und einen gewaltigen, geschwungenen Schnurrbart. Er habe 'ungefähr zwölf' Kinder, und eine Schar von Enkelkindern, die er selbst nicht überblickt. Er käme aus Beerscheba, wo er auch ein Steinhaus besitze. Den Sommer verbringe er aber lieber hier, mit Frau und einigen der Enkelkinder, den Ziegen und einem Kamel, denn hier ist es grün, das ist gut für die Mäuler der Tiere und für die Augen der Menschen, und nicht so heiß wie im Negev. Er mietet den Grund, auf dem er campiert und sein Vieh weidet, von den Kibbutzim jeweils für ein paar Wochen an.
Seine Sprache - er redete mit mir halb Arabisch und halb Hebräisch, das er für den Umgang mit Fremden gewohnt ist - war blumig und reich an Bildern. 'Der Berg da', und er deutete auf die Anhöhe auf der einen Seite des Tales, 'und der da', und er zeigte auf die andere Talseite, 'können sich nicht treffen. Aber Menschen können zu einander kommen.' Damit bedankte er sich nicht nur für unseren Besuch; er meinte damit auch, auf den Krieg im Land, in Gaza und im Norden, bezogen, dass Menschen mit einander reden und aufeinander zugehen können. Und dass es, anders als bei den Bergen, immer Hoffnung gibt, dass sie es irgendwann doch tun.
'Kehrt, so Gott will, in Frieden zurück in eure Länder', wünschte er zum Abschied, 'und erzählt dort, dass ihr bei mir willkommen wart!'
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'TAUSEND GÖTTER SEH ICH LEUCHTEN' - JULIUS BRAUN (1825-1869)
Ein Beitrag der Freunde Abrahams zum Gedenken an einen fast vergessenen
Religionswissenschaftler
von Stefan Jakob Wimmer
Im Alten Nördlichen Friedhof zu München, wenige Straßenzüge hinter dem Hauptgebäude der LMU, liegt das Grab von Prof. Dr. Julius Braun. Bis zu seinem frühen Tod mit 44 Jahren widmete sich der in Karlsruhe geborene Theologe, Kunst- und Kulturgeschichtler der Religionsgeschichte und verfolgte die Spuren der europäischen Zivilisation über Griechenland hinaus in den Alten Orient und nach Ägypten, wo er viele Fäden zusammenlaufen sah. Auch die Religionen seiner Zeit interessierten ihn; sein letztes Buch Gemälde der mohammedanischen Welt fasst Studien über Muhammad und über islamische Länder zusammen, und aus seinem letzten Artikel (in: Globus, 1869) spricht viel Sympathie für die damals neu in Persien entstehende religiöse Bewegung der Bahá'í.
Der Grabstein von Julius Braun und seiner Frau Rosalie Braun-Artaria war lange Zeit von einem weit ausladenden Efeubuschen überwachsen. Unter der Last des vielen Schnees in den ersten Märztagen heuer, kippte der Grabstein nach hinten um und zerbrach. An den Kosten für die Wiederherstellung des Grabsteins, die vom Städtischen Bestattungsamt vorgenommen wird, wollen sich die Freunde Abrahams beteiligen. Wenn wir voraussichtlich im Frühjahr nächsten Jahres eine Führung durch den Alten Nordfriedhof anbieten werden, hoffen wir, das Ergebnis gemeinsam besuchen zu können. Ein ausführlicher Beitrag zu Leben und Werk Julius Brauns ist für das nächste Heft der Blätter Abrahams vorgesehen.
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DIE GUTE NACHRICHT: FUNDAMENTALISTEN FÜR FRIEDEN!
Der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira berichtet von einer neuartigen Friedensinitiative für Israel und Palästina. Das neue: Es sind eingeschworene religiöse Fundamentalisten auf beiden Seiten, die den Konflikt nun friedlich lösen wollen. Rabbi Menachem Froman aus einer Westbank-Siedlung, prominent unter jüdischen Siedlern, schlägt ein Treffen mit Führern der Hamas vor, das zu einem Austausch von Gefangenen und zu einer Erklärung führen würde, dass beide Völker einen gerechten Frieden erreichen wollten. Daraufhin sollten Verhandlungen über alle strittigen Punkte eröffnet werden. Jerusalem sollte zur übernationalen 'Stadt des Friedens' proklamiert werden. Nach seinen Angaben hat die Hamas-Führung in Gasa bereits zugestimmt, ebenso der Oberrabbiner Israels und mehrere Minister. Über seine Motivation sagt Froman: 'Ich bin ein Bürger des Reiches Gottes. Um der Ehre Gottes Willen bin ich für ein freies Palästina neben Israel.'
nach al-Jazeera online, 22.8.2006
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BUCHBESPRECHUNG
Anlässlich des Vortrags von Dr. Rupert Neudeck für unsere Gesellschaft möchten wir Ihnen an dieser Stelle ein Besprechung seines Buches 'Ich will nicht mehr schweigen' von Gotthard Fuchs anbieten, die nicht aus unserer Feder stammt.
Aus: Christ in der Gegenwart 30/06, S. 246: mit frdl. Genehmigung des Herder-Verlags
MIT DEN AUGEN DER PALÄSTINENSER -
RECHT UND GERECHTIGKEIT IM NAHOST-KONFLIKT
von Gotthard Fuchs
Mit heißer Feder und brennendem Herzen geschrieben, ist dieses Buch zugleich Notschrei, Protest und Hilferuf. Rupert Neudeck, seit über 25 Jahren in Krisenregionen global im Einsatz, fühlt sich deshalb förmlich genötigt, ein in Deutschland vorherrschendes Denk- und Sprechverbot zu brechen: die Weigerung, über strukturelles Unrecht im Nahen Osten aus der Sicht auch der Palästinenser zu reden.
Fast jede Kritik an der gegenwärtigen israelischen Regierung wird tendenziell mit einer Kritik am Volk Israel gleichgesetzt und entsprechend unter den Verdacht von Antijudaismus oder gar Antisemitismus gestellt. Unter Freunden aber müsse ein offenes Wort erlaubt sein, sonst leiden nicht nur Wahrheit und Ethik, sondern auch die israelisch-deutschen Beziehungen. Schon in den fünfziger Jahren hatte Martin Buber, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, unermüdlich darauf hingewiesen, dass es ohne gute Nachbarschaft keine nationale Identität und keinen gesellschaftlichen Frieden geben könne. Just diese wechselseitig verstörte Nicht-Nachbarschaft ist nach der begründeten Überzeugung Rupert Neudecks eine Zeitbombe, die das hochgerüstete Israel von innen her zerstört und den Palästinensern den Aufbau eines eigenen Staates und damit einer menschlichen Zukunft behindert. Stets im fiktiven Zwiegespräch mit Martin Buber, dessen hellsichtige Diagnosen von damals zitierend eingespielt werden, berichtet Neudeck von seinen Gesprächen und Eindrücken aus der Krisenregion. Sichtbarster Anlass und Ausdruck der dramatisch verqueren Situation ist die israelische Mauer gegen die Palästinenser, 'höher und moderner' als die Berliner Mauer, schockierendes Fanal eines ausgrenzenden Herrschafts-Anspruchs, das weder den inneren noch den äußeren Frieden auf Dauer wird sichern können. Dabei werden Unrecht und Gewalt des palästinensischen Terrorismus keinen Augenblick beschönigt. Legitime Sicherheitsinteressen gelten für beide Seiten. Aber statt dialogfähig am Aufbau einer wirklich zukunftsfähigen Nachbarschaft im Sinne Bubers zu arbeiten, bestimmt Gewalt die Szene - mit innerer und äußerer Brutalisierung im Gefolge. Schon Albert Camus hatte im Algerienkrieg auf den Teufelskreis der Gewalt hingewiesen: 'Die Folter (der französischen Militärs) hat vielleicht erlaubt, 340 Bomben aufzufinden, aber sie hat gleichzeitig fünfzig neue Terroristen auf den Plan gerufen, die auf andere Art und anderswo noch mehr Unschuldige in den Tod schicken werden.'
Was ist mit den deutsch-israelischen Beziehungen? So lautet die Kernfrage Neudecks. Warum, auch sechzig Jahre nach dem Holocaust und dessen Schrecken niemals vergessend oder verschweigend, diese überall verbreitete Ausblendung des Unrechts, das den Palästinensern angetan wird? Warum eine so unaufgeklärte, konflikt-scheue und feige Vorliebe für Israel, die ja nur dann echt und glaubhaft wäre, wenn sie - auch um Israels willen! - strukturelles Unrecht beim Namen nennt und die Opfer- und Tätersituationen friedfertig unerbittlich aufdeckt.
Auch in theologischer und kirchlicher Perspektive ist Neudecks Aufschrei ernst zu nehmen - lässt sich doch die hebräische wie christliche Bibel im Ganzen als Dokument einer Bekehrungsbewegung lesen, in der mitten in Gewaltverhältnissen schließlich doch eine gottgemäße menschenfreundliche und nachbarschaftliche Zivilisation der Liebe entstehen will und soll. Alle, denen Israel am Herzen liegt - und zumal jene, die dort hinreisen -, sollten sich von Rupert Neudecks Buch erschüttern und berühren lassen.
Rupert Neudeck: Ich will nicht mehr schweigen. Recht und Gerechtigkeit in Palästina, Vorwort von Norbert Blüm, 2005, ISBN 3-937389-73-3
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