INFOBLATT DER FREUNDE ABRAHAMS E.V.
Inhalt
Editorial
Berichte - Notizen - Tipps
Enthüllung der Gedenktafel für Schalom Ben-Chorin
"Kinder Abrahams"
Buchtipps
Veranstaltungskalender
EDITORIAL:
Solidarisches Fasten
Eine lebensverachtende Untat und tiefe Trauer lasten über Norwegen und damit auch über Europa und der Welt. Das Attentat, offenbar von einem Einzelnen systematisch geplant und organisiert, ist von einem Massenmörder begangen worden, der in der Öffentlichkeit sehr schnell als "christlicher Fundamentalist" präsentiert wurde. Hat man mit dem "Kreuzritter" etwa ein Gegenbeispiel zu den islamistischen Eiferern gefunden, die seit geraumer Zeit nahezu ein Alleinvertretungsrecht für einen religiös motivierten Radikalismus zu beanspruchen schienen?
Als die USA zu Beginn des Krieges gegen Sadam Hussein im Iraq zu Felde zogen, um die diktatorische Macht des Despoten zu beenden, fuhren auch Panzer mit dem Markennamen "Abraham" auf, was zu dem Eindruck führen konnte, dass es wohl um den Import eines abendländischen Anspruchs gehen sollte, nämlich eine biblisch fundierte "Demokratie" mit Gewalt zu zementieren. Dass neuerdings wieder Panzerlieferungen an ein radikales Regime wie in Saudi-Arabien geliefert werden sollen, mag wie ein bizarres Unternehmen anmuten, das sich der irrigen Erwartung hingibt, man könne wohl mit solchen Waffen Frieden schaffen.
Der christliche Glaube ist fundiert im Glauben des Juden Jesus, der kein "Kreuzritter" war, sondern ein Mensch, der in Solidarität mit einer notleidenden Menschheit das Kreuz bis zum eigenen Tod auf sich genommen hat. Jesus war und ist für alle Zeit ein Blutzeuge für die unendliche und zugleich auch unbegreif-liche Liebe Gottes zu allen Menschen, gleich welcher Herkunft, Nation, Rasse und Religion. Insofern ist jeder, der in den Spuren Jesu geht, ein "christlicher Fundamentalist", der unentwegt für die Würde jedes Einzelnen und jedes Lebewesens in der Schöpfung eintritt und damit ein wahrer Hoffnungsträger, wie es Abraham und dessen Weg in eine völkerverbindende Zukunft geworden ist.
Manfred Görg
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Nachlese zum Tagesausflug nach Ingolstadt Juli 2011
von Brigitte Hutt
Sommerzeit - früher hieß es "wir fahren in Urlaub", heute wird (fast) nur noch geflogen. Aber was für Kleinodien kann man entdecken, wenn man in die nähere Umgebung schaut! Nur eine knappe Bahnstunde ist es von München bis Ingolstadt. Zugegeben, an diesem Samstag war es eine anstrengende Bahnstunde, da der Zug fast bis zum Platzen gefüllt war. Gespräche über die Tagesziele waren da nicht möglich. Aber vor Ort wurden wir von unserer kompetenten Ingolstädter Stadtführerin vollständig entschädigt. Sie ließ uns zuerst den Stadtkern in Etappen umschreiten und machte uns damit immer neugieriger. Imposante Befestigungen, ein "türkischer Garten" zu Ehren der Partnerstadt Manisa, im Armeemuseum ein türkisches Großwesir-Zelt aus dem Türkenkrieg im 17. Jahrhundert. Dann endlich über die Brücke hinein in die gepflegte Altstadt. Dort zeigte sie uns die Plätze, an denen die mittelalterliche und die neuzeitliche Synagoge Ingolstadts standen. Spuren aller abrahamischen Religionen aus mehreren Zeitaltern.
Berührend: In der Stadt verteilt mannshohe Stelen mit Bildern und Kurzbeschrei-bungen von jüdischen Mitbürgern aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, die das Schreckensregime nicht überlebt haben. So kann man bei einem Spaziergang hin und wieder inne halten und auch über diese jüngere, so gar nicht imposante Vergangenheit nachdenken. Eine nachahmenswerte Gedenkkultur in einer sehenswerten Stadt.
Beeindruckend: Das Asam-Deckenfresko in der dortigen "Asamkirche", einem ehemaligen Versammlungssaal. Die Menschwerdung Gottes inmitten der gesamten damals bekannten Welt in dreidimensionaler Malerei, von jedem Punkt der Kirche aus in anderen Schwerpunkten erscheinend. In der Nähe des Altars steht Abraham, bereit, seinen bereits gebundenen Sohn zu opfern.
Die Leser mögen verzeihen, dass ich mich auf diese wenigen Aspekte beschränke. Dom, Lepantomonstranz, die alte Universität: die Mitgereisten werden sich erinnern, für die anderen gilt: fahren Sie hin und schauen Sie selbst.
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… Zum edlen Wettstreit der Religionen -
der Herr der Ringe bei den Freunden Abrahams
von Manfred Hutt
Im Mai besuchte uns Prof. Dr. Dr. h.c. Karl-Josef Kuschel und hielt den Hauptvortrag des Wintersemesters zum Thema "Die Parabel von den Ringen - eine bleibende Herausforderung an die Religionen: Vorgeschichte - Geschichte - Konsequenzen".
Neben vielen anderen interessanten Details blieb mir besonders die Entwicklung der Ringparabeln und die Änderung, ja Erweiterung ihrer Aussage in Erinnerung.
Geschichten von wertvollen Steinen, Perlen, Ringen mit wunderbarer Kraft für ihren Träger und der Streit um das rechtmäßige Erbe sind schon beinahe so alt wie die Menschheit. Und irgendwann wurden solche Ringgeschichten als Parabeln benutzt, um das Verhältnis bzw. die Richtigkeit, die Wahrheit der drei monotheistischen Religionen / Glaubensbekenntnisse zu definieren. Der Ursprung der Parabel in der Form, wie sie Lessing benutzt, finden wir in dem alt-italienischen Buch von Erzählungen "Il Novellino" aus dem 13. Jahrhundert, ein weiterer im Decamerone des Boccaccio aus dem 14. Jahrhundert, auf den sich Lessing selbst bezieht.
In allen diesen Parabeln spielt immer dieselbe Konstellation der Protagonisten mit: der islamische Herrscher Sultan Saladin braucht Geld und versucht es auf listige Art - aber nicht gewaltsam durch einfache Beschlagnahme - von einem reichen Juden zu erhalten. Dazu soll dieser entscheiden, welches die richtige, die wahre Religion ist. Egal wie er sich entscheidet, ob er das Judentum nennt (dann ist es Majestätsbeleidigung) oder den Islam (dann sollte er eigentlich übertreten) hat der Herrscher immer einen Grund, an sein Vermögen zu kommen.
In allen Fällen kann man die Parabel auch verkürzt als die Karikatur von jüdischen Kaufleuten deuten, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen ohne sich festzulegen. Doch das ist zu kurz gefasst. Denn in allen Fassungen der Parabel geht es auch darum, den Bezug zum eigenen Leben, zur eigenen Religion und ihren Stellenwert zu definieren. Besonders deutlich wird dies in der Parabel im Decamerone, wo junge Leute sich zurückziehen und sich mit ihren Erzählungen am Leben halten, um der grassierenden Pestepidemie zu trotzen.
Auch die Bedeutung des richtigen Ringes wächst im Lauf der Zeit. Ist es im Novellino nur ein Ring mit einem wertvollen Edelstein, wie es keinen zweiten gab, definiert im Decamerone der Ring den wahren Erben, der den Vater beerbt, dessen wahres Vermächtnis bewahrt und so das neue Oberhaupt der Familie wird. Damit soll der Ring durch seinen Träger die einzig rechtmäßige Nachfolge, und in der Anwendung auf die Religionen die einzig wahre bezeugen. Und bei Lessing hat er die Kraft, "beliebt zu machen, vor Gott und Menschen angenehm".
Und auch die Ringe werden im Lauf der Zeit immer gleicher. Kann im Novellino noch der Vater den echten erkennen, kann es im Decamerone nur noch dessen Hersteller, und auch das nur mit Mühe. Bei Lessing schafft es niemand mehr. Somit werden die Ringe - die Religionen - ununterscheidbar. So hat Gott im übertragenen Sinne im Novellino drei gleichwertige, für uns Menschen in ihrem Wahrheitsgehalt ununterscheidbare Religionen geschaffen; welche die richtige ist, weiß nur er allein. Im Decamerone kommt eine explizite Begründung für die Anfertigung der weiteren Ringe dazu: weil der Vater alle drei Söhne gleich liebt, will er keinen bevorzugen. So bleibt hier die Frage nach der wahren Religion in der Schwebe und jeder Sohn, jede Religion glaubt, der einzig legitime Nachfolger zu sein; der Vater aber liebt sie alle gleich.
Lessing geht noch einen Schritt weiter. Er lässt den Streit bis vor einen Richter tragen, damit der ihn entscheide. Und auch hier gibt es wieder einen Kunstgriff, sich der endgültigen Entscheidung zu entziehen, wie sich schon Nathan der Festlegung auf die einzig wahre Religion entzieht: da die Ringe äußerlich nicht zu unterscheiden sind sondern nur durch ihre Wirkung (und diese tritt nur dann zu Tage, wenn der Träger ihn mit Zuversicht trägt), kann nur der Ring selbst die Entscheidung fällen. Wer ihn mit Zuversicht trägt und sich damit "vor Gott und den Menschen angenehm macht", nur der kann den Anspruch erheben, den echten Ring zu besitzen. Dies soll nach gegebener Zeit ein anderer Richter entscheiden. Und damit ist der Wettstreit der Religionen entfacht: jeder soll glauben, den echten Ring zu besitzen und dies dadurch zeigen, dass er im Wettstreit um das Gute vor Gott und den Menschen angenehm wird. Die Erben, d.h. Juden, Christen und Muslime, sollen sich in nichts anderem übertreffen als "in vorurteilsfreier Liebe, in Sanftmut, Verträglichkeit, Wohltun und in innigster Gottergebenheit".
Da aber auch der letzte Richter nicht ein religiöser Mensch sein kann, der wäre als Wettstreiter ja Partei, sondern nur Gott allein als der Vater, der Initiator aller drei Ringe, muss der Wettstreit endlos sein. Und so sind wir immer noch aufgerufen durch unser Verhalten zu zeigen, dass wir im Besitz des (oder eines?) wahren Rings sind.
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Giesinger Buddhismus: Besuch im Wat Thai Tempel
von Stefan Jakob Wimmer
Gleich hinter dem Giesinger Bahnhof liegt ein Stückchen Thailand. Das Buddhistische Kloster Wat Thai in der Bad Dürkheimer Straße war Ziel unseres Besuchs im Rahmen der Reihe "Jeder nach seiner Façon" am 9. Juni. Hinter einer modernen Hausfassade mit farbenfrohen Fahnen verbirgt sich ein freundlicher Ort, wo das scheinbar Unmögliche möglich ist: der Besucher findet sich plötzlich einem ganz und gar fremden Ambiente ausgesetzt - und dennoch fühlt er sich sofort wohl und geborgen… Wir wurden mit köstlichen Speisen, einem vollwertigen Abendessen, empfangen und hatten dann im Tempelraum ein ausführliches Gespräch mit dem Abt Phrakrupalad Chon und den Mönchen des Klosters. Die Übersetzerin erzählte von sich aus noch viel Persönliches dazu, und so wurde keine akademische Einführung in eine fremde Religion daraus, sondern ein unmittelbarer Einblick in das Leben der vielen thailändischen (vor allem) Frauen in München. Zum Merken und Mitnehmen: die wohltuend unkomplizierte Offenheit der Buddhisten gegenüber anderen Religionen. Lachend "gestand" unsere Übersetzerin, dass sie katholisch getauft wurde - und damit als Buddhistin, die sie nach wie vor ist und bleibt, kein Problem hat.
Mitgliederversammlung 2011
Die Neunte Ordentliche Mitgliederversammlung fand planmäßig am 15. März statt. Turnusgemäß standen Vorstandswahlen an. Nach der im Vorjahr erfolgten Satzungsänderung setzt sich der Vorstand jetzt zusammen aus: 1. Vorsitzendem/r, 2. Vorsitzendem/r, Schatzmeister/in, Schriftführer/in und drei weiteren Mitgliedern des Vorstands.
Trotz eigener Vorbehalte wegen zunehmender Belastungen konnte zur Freude und Erleichterung aller Prof. Görg gewonnen werden, erneut für das Amt des 1. Vorsitzenden zu kandidieren. Mit ihm wurden alle Mitglieder des Vorstands in ihren Ämtern bestätigt: Dr. Stefan Jakob Wimmer (2. Vors.), Karin Hildebrand (Schatzmeisterin), Helga König (Schriftführerin), Eva König, Brigitte Hutt, Dr. Manfred Hutt.
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"In mein Herz münden Isar und Jordan"
Die Gedenktafel für Schalom Ben-Chorin wurde enthüllt
von Stefan Jakob Wimmer
Was lange währt, wird endlich gut! Schon wiederholt haben wir in der ABRAHAMS POST berichtet, dass auf Anregung der Freunde Abrahams gemeinsam mit dem Freundeskreis zur Unterstützung des liberalen Judentums in München CHAVERIM e.V. die Anbringung einer Gedenktafel am Geburtshaus von Schalom Ben-Chorin geplant war, der 1913 als Fritz Rosenthal in der Zweibrückenstraße 8 zur Welt kam und 1999 in Jerusalem starb. Am 20. Juli 2011 - es wäre sein 98. Geburtstag gewesen - war es dann soweit: Aus Jerusalem waren Ben-Chorins Witwe Avital und die Tochter Ariela eingeladen und aus Berlin sein Sohn Rabbiner Tovia Ben-Chorin mit Gattin.
Das Haus aus der Prinzregentenzeit, mit dem großen Fresko eines Postillons an der Fassade, ist weitgehend unverändert erhalten - wenn man davon absieht, dass im Erdgeschoss heute ein Lokal der McDonalds-Kette mit seiner etwas schrillen Optik das Geschehen dominiert. Dem kleinen Kreis der geladenen Gäste, die die Enthüllung selbst vornahmen (mehr ließ der enge Platz auf dem trubeligen Gehweg nicht zu), war's dann aber doch ganz recht, dass man vor dem strömenden Regen im McDonalds-Café Zuflucht und ein Dach über dem Kopf finden konnte.
Die Tafel selbst, von der Künstlerin Blanka Wilchfort (Chaverim) gestaltet und durch eine Spende von Irene Endraß (ebenfalls Chaverim) ermöglicht, nennt im Text "Chaverim München e.V. und Freunde Abrahams e.V." als Initiatoren. Faszinierend ist die halbplastische Gesichtsdarstellung des Münchners und Jerusalemers: Er scheint nun, von der Seite betrachtet, gleichsam zur Hälfte aus der Hauswand heraus das Geschehen in seiner ehemaligen Heimatstadt zu beobachten - mit Blickrichtung Südosten, Richtung Jerusalem. Eine gelungene Würdigung für einen Brückenbauer zwischen zwei Welten!
SSein Sohn Tovia Ben-Chorin merkte an, wie passend es sich doch fügte, dass die Straße, in der sein Vater geboren wurde, Zweibrückenstraße ("Zwei-Brücken-Straße") heißt. Er fand es ebenfalls sehr stimmig, dass die öffentliche Feierstunde, die auf die Enthüllung folgte, an einem Brunnen stattfand - ist doch der Brunnen in der Bibel immer ein Ort, an dem sich Menschen begegnen.
Foto: Avital Ben-Chorin
und Rabbiner Tovia Ben-Chorin
vor der Gedenktafel
Am Fortuna-Brunnen, vis-à-vis vom Isartor, versammelte sich eine stattliche Menschenmenge und hielt eineinhalb Stunden - bei weiter strömendem Regen und gar nicht Jerusalemer Temperaturen - durch, bis alle Grußworte und Ansprachen gesprochen waren. Denn alle hatten auf ihre Weise, aus ihrem Blickwinkel, Wertvolles über Schalom Ben-Chorin zu sagen. Vertreterinnen und Vertreter der Stadt und der Religionsgemeinschaften waren darunter. Besonders langen Beifall bekam Gönül Yerli vom "Zentrum für Islam in Europa - München (ZIE-M)", die als Muslima bewegende und sehr kompetente Worte zur Würdigung des jüdischen Versöhners fand. Ben-Chorins Witwe bedankte sich mit der freudigen Erkenntnis, dass "wenigstens in München" auch Islam und Judentum sich so nahe stünden.
Den Schreiber dieser Zeilen freut's besonders, nicht nur weil er, wie so viele Münchnerinnen und Münchner, Schalom Ben-Chorin an der Isar und am Jordan persönlich begegnen durfte, sondern auch, weil er es war, der den Gedanken einer Gedenktafel am Geburtshaus erst bei den Freunden Abrahams, dann mit den Chaverim zusammen, eingebracht hatte.
Möge Schalom Ben-Chorins Andenken uns allen ein Segen sein!
Eine vollständige Dokumentation der Veranstaltung, die am Abend im Stadtarchiv noch fortgesetzt wurde, wo Ben-Chorins Arbeitszimmer originalgetreu zu besich-tigen ist, wird zusammen mit Chaverim e.V. vorbereitet. Wir dürfen hier Auszüge aus der Rede von Prof. Manfred Görg wiedergeben:
Juden und Christen: Geschwister im Glauben
von Prof. Manfred Görg - zur Enthüllung der Gedenktafel für Schalom Ben-Chorin
Schalom Ben-Chorin, am 20. Juli 1913 in München geboren mit dem ursprün-glichen Namen Fritz Rosenthal, trug den Wunschnamen "Schalom ben Chorin" zur Proklamation eines Friedens, der seinen Anwalt zugleich als "Sohn der Freiheit" ausweist. Als "Bürger zweier Staaten", Deutschland und Israel, ja, wie er es selbst gesehen hat, als "Bürger zweier Welten", dem die Isar wie der Jordan ans Herz gewachsen sind.
Nächst Martin Buber, den Schalom seinen "Mentor" nennt, ist Schalom Ben-Chorin die Personifikation eines kritischen und zugleich entschiedenen Begeg-nungszentrums mit einem Christentum, dessen tragende Wurzeln im Judentum liegen und dessen eigentliche Botschaft ohne die jüdische Prägung absolut unverständlich wäre und bliebe.
Wer von den schier unzähligen Begegnungen von Gruppen und einzelnen Gesprächspartnern in Israel und hierzulande erinnert sich nicht an seinen fast stereotyp vorgetragenen, aber mit gleichbleibender Ausdrucksstärke gemeißelten Satz: "Der Glaube Jesu verbindet uns, der Glaube an Jesus trennt uns". Dass und weil "wir Brüder sind", können wir, sagt Schalom Ben-Chorin - über Martin Bubers Votum zum Versuch eines Miteinander noch hinausgehend - im Zuge der fundamentalen Anerkenntnis des Judeseins Jesu auf Seiten der Christen, auch mit der nötigen offenen Kritik aneinander miteinander umgehen, uns über die "Sache Jesu", d. h. seinen reformerischen Ansatz, seine prophetische Existenz, seine Dignität als Seher Gottes streiten und zugleich uns hüten, Konzeptionen mit einer scheinbar endgültigen Definition und Sprachregelung entgegenzuhalten. Entscheidend bleibt die Dimension des Dialogs getragen von Anerkenntnis der Würde des jeweiligen Bekenntnisses, kurz das Aufeinanderzugehen im wechsel-seitigen Respekt, wobei aber der Jüngere dem Älteren den Vortritt lassen muss. Schalom Ben-Chorin hat die Christen gleich welcher Konfession gelehrt und ermuntert, immer wieder die beidseitige Quelle im Auge zu behalten.
Wer den Vortrag Schalom Ben-Chorins in der Großen Aula der Ludwig-Maxi-milians-Universität im Jahre 1988, dem 50. Jahr nach dem Beginn der lebens-vernichtenden Kampagne gegen das Judentum in dieser Stadt, gehört hat, erinnert sich an die entschiedene Parteinahme für die lebendige Auseinander-setzung, den Widerstand gegen jedes triumphale Gehabe, wie es Christen leider zu eigen war und manchen Unverbesserlichen immer noch ist, als wenn es Aufgabe der Christen sei, ihre im Abendland gewachsene Machtfülle ostentativ auszuspielen. Nein, Schalom Ben-Chorin wollte keine unkritische Verbrüderung, sondern eine lebendige Auseinandersetzung im vollen Bewusstsein der ureigenen Präzedenz, zugleich aber ein glaubwürdiges Rollenspiel von Gottsuchern, von Menschen, die sich auf den Weg begeben um sich dem alle vermeintlichen Sicherheiten in Frage stellenden Gott auszuliefern.
Ich erinnere mich gern an meine letzte Begegnung mit Schalom Ben-Chorin, der in seinem hohen Alter mit kleinen Schritten, gestützt von seiner Frau Avital, zum Gespräch schritt, bei dem es auch um Auslegungen prophetischer Texte ging. Im Verlauf des Gesprächs fragte er mich: "Was sagt der katholische Alttestamentler dazu?". In dem Moment spürte ich spontan, was den Dialog ausmacht: dass man aufeinander hört und immerzu fragt. Auf apodiktischer Selbstdarstellung demonstrativ zu beharren, war bei all seiner Bestimmtheit als tiefgläubiger Jude nicht seine Sache.
Schalom Ben-Chorin war einer der prominentesten Sprecher und Wegbereiter einer kongenialen Kooperation von Juden und Christen. Ich selbst darf in tiefer Dankbarkeit bekennen, dass er in einer Besprechung meines Buches "In Abrahams Schoss" (Düsseldorf 1993) in der Zeitung "Israel Nachrichten vom 28.1.1994 unter der Überschrift "Die Botschaft der hebräischen Bibel" ein Zitat folgenden Wortlauts offenbar vorbehaltlos übernommen hat: "Die Christen haben nur noch eine Chance vor der Geschichte, wenn ihnen das gläubige Judentum die Hand reicht. Eine zukünftige Möglichkeit, ein Christsein in einer offenen Kirche zu realisieren, könnte darin bestehen, sich mit dem lebendigen und gläubigen Judentum unter dem gemeinsamen Dach oder im Schoße Abrahams wiederzufinden, um so als Glaubende Ausschau zu halten nach dem Kommenden" (In Abrahams Schoß, S. 178f.).
Die Gedenktafel an Schalom Ben-Chorin möge ein Zeichen einer dankbaren Erinnerung mit bleibender Perspektive für uns alle sein, insbesondere für eine Geschwisterlichkeit von Juden und Christen mit einer genuinen Ausstrahlung auf die Begegnung der Religionen und Konfessionen in München.
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10 Jahre Freunde Abrahams!
von Stefan Jakob Wimmer
Der 10. Jahrestag des 11. September 2001 wird zweifellos sehr ausgiebig gewürdigt werden. Bald nach jenem Datum, am 27. September 2001, traf sich ein kleiner Kreis um Prof. Manfred Görg - Mitarbeiter seines Lehrstuhls für Alttestamentliche Theologie - im Lokal "Bohème" in der Türkenstraße (das leider nicht mehr existiert) zu einem Arbeitsessen. Aus der Fassungslosigkeit über die Vorgänge in der Welt war die Initiative erwachsen, im eigenen Umfeld Zeichen der Verständigung zu setzen. Der Gedanke, einen Verein, eine Gesellschaft für interreligiöse Verständigung zu gründen, reichte ein paar Monate vor den 11.9. zurück. Ein Papier mit "Vorüberlegungen zur Gründung einer Gesellschaft", das auch schon den Namen "Freunde Abrahams" anregt, trägt das Datum 9.6.2001. Doch das unfassbare Geschehen war dann der Auslöser, der uns schließlich zusammenführte, um zu überlegen, wie man die Idee konkret verwirklichen könnte. Dazu gehörte, dass das Wirken des Vereins auf wissenschaftlicher Grundlage verankert und die religionsgeschichtliche Forschungsarbeit am Lehrstuhl von Prof. Görg mit den Herausforderungen der Gegenwart verknüpft sein sollte. Der Name "Freunde Abrahams" schien uns dem Anliegen in jeder Weise gut zu entsprechen und so wurde beschlossen, potenzielle Interessentinnen und Interessenten zu einer Gründungsversammlung des Vereins für den 14.11.2001 einzuladen. Sie fand statt im damaligen Bibliotheksraum für Biblische Exegese, neben den Lehrstuhlräumen von Prof. Görg. Vierzehn engagierte Gründungsmitglieder (von denen zwölf heute noch Mitglied sind) konstituierten den Verein, beschlossen eine Satzung und wählten einen Gründungsvorstand (Prof. Görg und Stefan Wimmer als Vorsitzende, Maximilian Mützel als Schatzmeister, Helga König als Schriftführerin) und Beirat (Andrea Gramann, Augustinus Müller, Evelyn Scriba). Die Eintragung im Vereinsregister erfolgte bereits am 27.11.2001.
Als kleine Anerkennung für die Gründungsmitglieder wurde noch kurz vor Weihnachten, am 22.12., als erste Veranstaltung des in Gründung befindlichen Vereins eine Führung in der Sonderausstellung "Das Geheimnis des goldenen Sarges - Echnaton und das Ende der Amarnazeit" im Ägyptischen Museum angeboten. Bis aber alle Formalitäten abgewickelt waren und ein richtiges Programmangebot anlaufen konnte, vergingen noch ein paar Monate. Für eine öffentliche Auftaktveranstaltung wurde schließlich Prof. Dr. Dr. Karl-Josef Kuschel aus Tübingen (inzwischen Mitglied im Kuratorium der Gesellschaft) zu einem Festvortrag "Abrahamische Ökumene: Chancen und Risiken" eingeladen. Das Ereignis fand am Mittwoch, 24. April 2002 im Hörsaal 101 der LMU statt, fand einigen Niederschlag in der Presse und konnte mit einem ansehnlichen Spektrum an Grußworten aufwarten. (Die Veranstaltung ist dokumentiert im ersten Heft der "Blätter Abrahams", 1/2002, das weiterhin erhältlich ist.)
Natürlich werden wir es nicht versäumen, das 10-jährige Jubiläum der Freunde Abrahams gebührend zu begehen. Als Terminoptionen könnten wir uns aussuchen: 9.6.2001 (schon verpasst), 27.9.2001, 14.11.2001, 27.11.2001, 22.12.2001, oder 24.4.2002. Der feierliche Auftakt im April scheint uns da am besten geeignet, sodass wir für das ungefähre terminliche Umfeld im kommenden Jahr wieder ein Abrahamsfest planen wollen. Der Termin und die Einzelheiten stehen bei Redaktionsschluss noch nicht fest, werden aber rechtzeitig bekannt gegeben.
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Die Freunde Abrahams im
MÜNCHNER BÜNDNIS FÜR TOLERANZ, DEMOKRATIE UND RECHTSSTAAT
Das 1998 auf Initiative von Oberbürgermeister Christian Ude gegründete Netzwerk von Repräsentanten der Glaubensgemeinschaften, der Wirtschaft, der Gewerkschaften, der Jugendverbände, des Bildungswesens und der Erwachsenenbildung tritt dafür ein,
- dass extremistische Kräfte gleich welcher Richtung und ausländerfeindliche Stimmungsmache in München keinen Boden gewinnen,
- dass Toleranz und Verständnis für andere Kulturen als Grundvoraussetzung friedlichen Zusammenlebens einer Großstadt offensiv vertreten und nicht verächtlich gemacht werden,
- dass demokratische und rechtsstaatliche Verfahren als Schutz und Chance für alle begriffen werden und nicht in Misskredit geraten.
Dem Bündnis gehören u.a. an: Dr. Dr. h.c. Hildegard Hamm-Brücher (Staatsministerin a.D.), Prof. Dr. Bernd Huber (Präsident der Ludwig-Maximilians-Universität), Charlotte Knobloch (Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern), Helga König (Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der katholischen Verbände), Ilse Macek (Verein Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.), Dr. Abi Pitum (Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V.), Dr. Florian Schuller (Katholische Akademie Bayern), Weihbischof Engelbert Siebler, Oberbürgermeister Christian Ude, Alt-Oberbürgermeister Dr. Hans-Jochen Vogel (die vollständige Liste der Mitglieder ist im Internet abrufbar unter:
www.muenchen.de/rathaus/Stadtpolitik/Buendnis-fuer-Toleranz.html)
Am 30. Mai 2011 hat die Vollversammlung des Bündnisses als neue Mitglieder aufgenommen: Freunde Abrahams e.V., ZIE-M e.V., Refugio e.V., Bayerischer Städtetag, Weiße-Rose-Stiftung e.V., Griechisch-orthodoxe Metropolie Deutschland.
Aufruf des MÜNCHNER BÜNDNIS FÜR TOLERANZ anlässlich der Gründung der Partei "Die Freiheit"
Die Vollversammlung des Bündnisses hat am 30. Mai 2011 die folgende Erklärung verabschiedet:
"Das Bündnis für Toleranz, Demokratie und Rechtsstaat äußert anlässlich der Parteigründung von "DIE FREIHEIT" seine Besorgnis, dass hier im Namen der Freiheit eine sehr islamfeindliche und gegen eine Religion gerichtete Stimmungsmache betrieben und eine ethnische und religiöse Diskriminierung angestrebt wird. Das Bündnis wird sich auch künftig mit diesen Gruppen kritisch auseinandersetzen und fordert auch die Medien dazu auf, damit sich hier keine Plattform bildet, die gegen bestimmte Gruppen in unserer Stadtgesellschaft Stimmung macht und die demokratische Kultur gefährdet."
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Norwegen und wir
Am 22. Juli 2011 hat erneut der Terrorismus seine unmenschliche Fratze präsen-tiert, in einer Weise, die das Vorstellungsvermögen sprengt. Wir dürfen weder in Sprachlosigkeit verharren, noch zur Tagesordnung übergehen.
Hier geben wir eine Erklärung des "Zentrum für Islam in Europa - München e.V. (ZIE-M)" wieder, der wir uns dem Inhalt und Tenor nach anschließen wollen:
F ukushima war nötig, dass die Politik eine Kehrtwende in der Kernenergiefrage eingeleitet hat. Warum musste Oslo/Utøya notwendig werden, bevor die Gefahren ausländerfeindlicher Hetze ernst genommen werden? Und - wird das überhaupt geschehen?
Das Geschehene in Norwegen lässt jeden Menschen, der bei Sinnen ist, fassungslos zurück und in einer Weise entsetzt, die unsere Sprache und unser Verstehen übersteigt. Ganz unabhängig von den Hintergründen dieses oder anderer Terroranschläge, welche kranken Motive sich die Massenmörder jedweder Couleur auch immer selbst zurechtlegen mögen, wir wollen zusammenstehen mit allen Menschen guten Willens in dem entschlossenen gemeinsamen Eintreten für eine friedliche und vielfältige, freie, demokratische und rechtsstaatliche Gesellschaft in Europa.
Wir trauern mit allen Betroffenen des Terrors und schließen unsere Gedanken an sie in unsere Gebete mit ein.
Wir sind beeindruckt von den Worten des norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg: "Wir sind ein kleines Land, aber wir sind ein stolzes Volk. Wir sind weiter erschüttert von dem, was uns getroffen hat. Aber wir geben nie unsere Werte auf. Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Humanität. Aber nie Naivität."
Es beunruhigt uns, dass Politiker in Deutschland von einem "Einzeltäter" sprechen, obwohl ihnen bekannt ist, dass der Terrorist eingebunden war in islamfeindliche Netzwerke, an deren Blogs er sich intensiv beteiligt hat und deren menschenverachtende Ideologie er reflektiert. Solche Netzwerke sind in Deutschland nicht weniger aktiv und verbreitet als in Norwegen. Auf dem Internetblog "Politically Incorrect" etwa findet sich eine Fülle von hasserfüllten Beiträgen, die ganz offen ein Klima der Konfrontation schüren und implizit Gewalt nicht ausschließen, bisweilen auch (obwohl die Blogs "moderiert" werden) offen in den Raum stellen. Den bayerischen Sicherheitsbehörden sind diese Netzwerke nach eigenem Bekunden bekannt. An das Bayerische Innenministerium sind erst in jüngster Zeit wiederholt Anfragen gerichtet worden, weshalb einschlägig aktive Gruppierungen noch nicht unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen. In anderen Fällen sind, wie bekannt wurde, scheinbare Zusammenhänge in auffallend einseitiger Weise so interpretiert worden, dass sich scheinbare Verdachtsmomente gegen eine Verfassungstreue von Menschen konstruieren ließen, die sich in vorbildlicher Weise für unsere Rechts- und Gesellschaftsordnung einsetzen. Hier jedoch wird eine sich rasant ausbreitende Gefährdung, die sich ganz offen und unverschleiert gegen das friedliche Zusammenleben von Menschen in Deutschland aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit richtet, vom Bayerischen Innenministerium bisher verharmlost und beschwichtigt. Ein zuständiger hochrangiger Mitarbeiter des Ministeriums hat entsprechende Positionen erst vor wenigen Wochen vor der Vollversammlung des "Münchner Bündnisses für Toleranz, Demokratie und Rechtsstaat" wiederholt.
Es ist auch bekannt geworden, dass die Einstellung von in diesem Bereich zustän-digen MitarbeiterInnen des Innenministeriums, was z. B. die grundsätzliche Demokratieverträglichkeit des Islam angeht, ernste Fragen aufwirft, denen sich der Minister bisher nicht erkennbar gestellt hat.
Wir sind weiterhin entschlossen und bereit, in jeder Hinsicht mit den Behörden, einschließlich des Innenministeriums, zu kooperieren, unsere Erfahrungen und unser Wissen zu teilen, wenn es gegen jedwedes Potenzial von Hass und Gewalt in unserem Lande geht, unabhängig davon, von wem es ausgeht. Wir erwarten aber auch von den Behörden ein glaubwürdiges, entschlossenes Vorgehen gegen brandgefährliche Strömungen aller Art, die sich gegen das friedliche Zusammen-leben in Deutschland richten; islamfeindliche Stimmungsmache spielt dabei keine periphere Nebenrolle und darf keinen Tag länger verharmlost werden. Das freilich setzt als ersten Schritt voraus, dass innerhalb des Innenministeriums selbst endlich vorbehaltlos die nötigen Überprüfungen erfolgen.
Wo bleiben die Kampagnen des Innenministeriums, die sich mit Aufklärungsarbeit, mit Broschüren, mit engagierten Auftritten des Ministers gegen diese Form des Extremismus richten - so wie das gegen so genannten "Ausländerextremismus" (hier besonders "Islamismus"), Linksextremismus und Rechtsextremismus schon lange der Fall ist?
Auch in Deutschland werden Menschen allein deshalb, weil sie Muslime sind, tagtäglich verachtet, beleidigt und diskriminiert. Aus demselben Grund werden Menschen tätlich angegriffen, aus demselben Grund wurden in unserem Land Menschen in ihren Häusern verbrannt und bis in einen Gerichtssaal hinein ermordet. Wir wollen uns nicht vorstellen, dass sinnloses Blutvergießen jetzt noch weitergehen muss, bevor die zuständigen Behörden aufwachen.
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Großmufti Mustafa Ceric über Otto von Habsburg und über Europa
Anlässlich der Trauerfeiern für Otto von Habsburg fand am 14. Juli in der Kapuzinerkirche in Wien eine gemeinsame Gebetsstunde der drei monotheistischen Religionen vor dem aufgebahrten Sarg des Kaiserenkels statt. Neben dem Wiener Weihbischof Stephan Turnovszky sprachen Gebete der frühere Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern Steven Langnas und der amtierende Großmufti von Bosnien und Herzegowina Mustafa Ceric.
Ceric, den Freunden Abrahams durch mehrere Münchenbesuche und durch unseren Besuch in Sarajewo im Jahr 2008 gut bekannt, verlas zu diesem Anlass ein Gebet, das sein Amtsvorgänger Großmufti Džemaluddin Cauševic 100 Jahre zuvor zum Geburtstag des Kaisers Franz Joseph formuliert hatte. Bosnien gehörte damals zur Habsburger Monarchie und der Kaiser war es, der für seine muslimischen Untertanen das Amt des Großmuftis von Sarajewo eingeführt hatte.
Auszüge aus dem Gebet: "Wir danken Dir, Allmächtiger Gott, denn Du bist der Allhörende, denn Du bist unseren Nöten nahe und nimmst unsere Gebete an. Wir alle gehören Gott und zu Gott kehren wir alle zurück. ... Wir erbitten Deine Verheißung durch Deine noble Hand, und durch Deine grenzenlose Gnade bitten wir Dich, alle Deine Gesandten und Propheten zu segnen und die kaiserliche Familie durch Deine Gnade zu stärken, die allerorts gerühmt wird für Gerechtigkeit und Unparteilichkeit, die Familie unseres geliebten und erhabenen Kaisers, unseres geliebten Herrschers Franz Joseph I. Unser Herr, bewahre ihn und seine Familie in Deiner Sicherheit, in Glück und in Deiner Zufriedenheit, und lass seine Feinde und die Feinde seiner Familie keine Wege finden, sich ihnen zu nähern. Unser Herr, steh unserem erhabenen Kaiser und König Franz Joseph I. bei und stärke sein Heer. Herr, mache ihn glücklich und sein Reich sicher und fort-schrittlich. Allmächtiger Herr, versöhne uns, führe unsere Herzen zusammen und lenke uns auf die Wege des Friedens. Amen!"
Seine Trauerrede beschloss Ceric mit den Worten: "Oh Gott, lass meinen Freund, der ein Freund Bosniens war, ein Förderer eines neuen Europa, ein Patron einer neuen, friedlichen Welt, eine Persönlichkeit für alle Zeit, ruhen in Frieden und in Gottes ewiger Gnade, Amen!"
In einem Gespräch mit der Katholischen Presseagentur Österreich ging Ceric u.a. auch auf die aktuelle Schuldenkrise einiger EU-Länder ein. Europa müsse sich dringend darauf besinnen, dass "Geld nicht alles ist". "Warum gibt es die Europäische Union überhaupt? Doch nur aus einem einzigen, simplen Grund: Um die Versöhnung zu ermöglichen!" Der Großmufti verwies auf die Entwicklungen in Südosteuropa, wo man die Versöhnung der früher durch bewaffnete Konflikte entzweiten Landesteile, die Abkehr von einem separatistischen Denken und Rückkehr der Vertriebenen noch nicht endgültig erreicht habe.
Großmufti Ceric wird sich auf Einladung des Friedenstreffens von Sant' Egidio vom 11. bis 13. September wieder in München aufhalten.
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Die "Kinder Abrahams":
Viertes und bisher erfolgreichstes Kinder-Friedensprojekt
Von Delia Dornier-Schlörb
MIn 2010 erlebten Kinder und Eltern der drei abrahamitischen Religionen zwei intensive Begegnungen: Dabei kamen vier Klassen mit insgesamt 90 jüdischen, muslimischen und christlichen Kindern im Alter von 11/12 Jahren aus 5./6. Klassen zusammen - im April in Nazareth zu einem Religionsausflug (Verkündigungskirche, Synagoge, Moschee) und im Dezember über drei Tage in Tabgha im Begegnungshaus Beit Noah am See Genezareth.
Die vertiefte Zusammenarbeit mit den Benediktinern im Hl. Land, die dank ihrer Erfahrungen mit der Academy of Peace im Dormitio/Jerusalem seit Jahren Zeichen setzen, geht ins vierte Jahr. Im Haus Beit Noah in Tabgha, dem Ort der biblischen Brotvermehrung, sind jüdische, christliche und muslimische Lehrer und Schüler stets willkommen. Beim zwanglosen Austausch über Religionen erleben Kinder und Erwachsene, dass religiöse Unterschiede keine unüberwindlichen Hürden sein müssen, sondern vielmehr faszinierende Welten und Lebensfreude offenbaren. Zehn Lehrer und Eltern waren als "Freiwillige Helfer" für Ausflüge, Unterricht, Küche und Nachtaufsicht dabei. Jüdische und muslimische Lehrerinnen unterrichteten mehrsprachig in Hebräisch, Arabisch und Englisch. Diese Ferientage in spannender Sprachenvielfalt brachten allen ein Gefühl von Ruhe und Frieden nahe - im tendenziell lärmigen Israel eher selten! Unter freiem Himmel morgens standen Themen zu interreligiösen Fragen im Mittelpunkt. Danach konnten die Kinder wählen, ob sie Kalligraphie üben oder christliche Bildthemen nach Glasfenstern interpretieren und gestalten wollten. Gerade jüdische und muslimische Kinder sind immer wieder fasziniert von christlichen Bildern, weil ihnen in der eigenen Religion bildhafte Darstellungen eher selten begegnen. Weitere Entdeckungen ergaben sich auf Wanderungen zu Kirchen, Moscheen und Synagogen - u.a. von Tabgha nach Kapernaum. Intensive Gespräche zwischen jüdischen, christlichen und muslimischen Eltern waren ein lebendiger Gegenentwurf zur Gesellschaft in Israel, die weitgehend getrennt voneinander lebt und wenig Interesse am Anderen zeigt.
Zum Auftakt des jüdischen Channukka-Festes kamen Eltern extra zu Besuch. Mit ihren "Kindern Abrahams" gestalteten sie ein interreligiöses Fest. Väter und Mütter übernahmen die Küchendienste und reichten selbstgekochte Köstlichkeiten vom jüdisch-arabischen Buffet. Eltern und Lehrerinnen tauschten sich aus und freuten sich über interessante Gespräche. Alle vereinte die Auffassung, dass nur ein friedliches Miteinander Vorbild sein kann für Toleranz und Respekt. Ein besonderes Erlebnis für einige Kinder war der Kontakt zum Babyhund von der Klosterpforte: Gerade muslimische Kinder haben offenbar wenig Erfahrung im Umgang mit Tieren und hörten gar nicht mehr auf, den lieben kleinen Blacky zu streicheln.
Zum christlichen Fest des Advents verteilte ich für alle Süßigkeiten aus Deutschland und erzählte von der meiner interreligiösen Initiative und beantwortete Fragen nach meinen Erfahrungen. Anwesende Eltern zeigten sich erstaunt, dass "ausgerechnet eine Deutsche" interreligiös denkt ... und schenkten mir als Dankeschön israelisches Olivenöl!
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BUCHTIPPS
Manfred Görg: Mythos und Mythologie - Studien zur Religionsgeschichte und Theologie
Die Dimensionen des Mythos und die Ausdrucksformen der Mythologie sind Gegenstand von Manfred Görgs Untersuchungen zur Rede von Gottes- und Menschenwort in der Bibel und in theologischer Sprache überhaupt. Dabei wird nicht nur der sich u.a. in "heiligen Schriften" manifestierende spezifische Charakter von "Offenbarung" als genuiner Gestalt mythologischer Übermittlung von Inhalten untersucht, sondern auch das Gewicht außerbiblischen Traditionsgutes, wie es sich in dem Beziehungsfeld zwischen Ägypten und dem Alten Orient, vor allem aber in den Auswirkungen auf die nachantike Religionswelt des Abendlandes darstellt. Hier werden die zentralen biblischen Texte zu den Vorstellungen von der Kosmogonie, der Anthropologie und der Geschichtsdeutung im Spektrum gott-menschlicher Relationen im Spiegel des ägyptischen Erbes betrachtet und auch eine Hintergrundanalyse von Bekenntnisinhalten des christlichen Glaubens wird geboten.
Diese Zusammenstellung bisheriger Studien des Autors soll nicht zuletzt dem interreligiösen Gespräch dienen.
Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2011, 337 S., ISBN 978-344-7058957, 62,00 EUR.
Udo Worschech: "Ich will Ismael segnen" - Gemeinsame Wurzeln in Christentum und Islam
Politiker verzerren das Bild, wenn sie behaupten, in Europa gäbe es nur christlich-jüdische Wurzeln, die mit dem Islam nichts zu tun hätten. Diese grundfalsche Aussage bestätigt nur das Unwissen über den Islam, der ebenso christliche wie auch jüdische Wurzeln hat. Dies aufzuzeigen ist Inhalt dieses Buches, das damit vor allem zur Diskussion zu einigen theologischen Positionen in Christentum und Islam anregen will.
Diederichs Verlag, München 2010, 222 S., ISBN 978-3-424-35042-5, 16,90 EUR.
Unsere Gesellschaft ist multikulturell und multireligiös geworden. Andreas Renz geht der Frage auf den Grund, die viele Gläubige bewegt: Glauben Juden, Christen und Muslime an den gleichen Gott und können sie gemeinsam beten? Über die konkrete Praxis des Gebets macht er die innere Vielfalt der drei Religionen transparent.
Kösel Verlag, München 2011, 208 S., ISBN 978-3-466-368990, 14,99 EUR.
Blätter Abrahams
Das Heft 11 unserer Zeitschrift BLÄTTER ABRAHAMS - BEITRÄGE ZUM INTERRELIGIÖSEN DIALOG
befindet sich z. Zt. in Vorbereitung. Alle bisher erschienen Hefte können zum Preis von 8,- EUR bzw. 5,- EUR (für Mitglieder) erworben, oder zzgl. 2,- EUR Versand bei der Geschäftsstelle bestellt werden.
Eine Inhaltsübersicht aller Ausgaben ist hier zu finden.
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