INFOBLATT DER FREUNDE ABRAHAMS E.V.
Inhalt
Editorial
Berichte - Notizen - Tipps
Neue Adresse der Geschäftsstelle!
Die gute Nachricht
Buchtipps
Veranstaltungskalender
EDITORIAL:
Religionen zur Wahl?
In einem demokratischen System stehen nicht nur Parteien, sondern auch Weltanschauungen, Modelle der Vergegenwärtigung von positiven und negativen Erfahrungen in der Geschichte, verschiedene Formen von Zukunftskonzepten und Visionen zur Disposition. In diesem Feld spielen auch die diversen Konfessionen und Religionen der Gegenwart eine Rolle, wobei uns das wechselseitige Verhältnis insbesondere der drei abrahamischen Religionen hierzulande ein selbstkritisches Interesse abverlangen muss.
Die Zeiten einer exklusivistischen Betrachtung der eigenen Religion oder Konfession, die die eigene Gestalt des Gottesglaubens für die einzig vertretbare Form von Religion halten und als ausschließlich gültigen Weg zum Heil der Menschheit verstehen möchte, dürften wohl dem Ende zugehen. Dies gilt auch, wenn der gewiss nicht unzutreffende Eindruck besteht, dass es innerhalb der religiösen Gemeinschaften noch immer auch mehr oder weniger bemerkbare Gruppierungen gibt, die sich einem Konzept der radikalen Heilsgewissheit der eigenen Selbstdarstellung verschrieben haben und von dieser Überzeugung keinen Millimeter weichen wollen. Die jüngere Zeit hat gelehrt, dass der Respekt vor den in Glaubenssachen anders denkenden Zeitgenossen sowohl in den Religionen des Orients wie auch in den so genannten abendländischen Religionen noch längst keine Selbstverständlichkeit ist.
Sektierer und Traditionalisten wird es voraussichtlich immer wieder geben, auch scheinbar unbelehrbare Gegner einer gemeinsamen Suche nach interreligiösen, religionsübergreifenden Lebensformen. Doch sollte das Wachstum derjenigen zunehmen, die vor allem innerhalb der überkommenen Religionen, der Konfessionen und Kirchen für religiöse Toleranz werben, die keineswegs Beliebigkeit bedeutet, sondern gelebte Achtung für andere und fremde Glaubenswege zum Ziel hat. Die Wertschätzung der Menschenwürde und Anerkenntnis gewählter und bewusster Entscheidungen für religiöse Formen und Inhalte muss für alle Zukunft integraler Bestandteil des Gemeinschaftslebens gerade in unserer demokratischen Gesellschaft sein. Auch dieses Votum möge angesichts der bevorstehenden Wahlen zum speziellen Anliegen der "Freunde Abrahams" gehören.
Manfred Görg
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Das einzig Beständige ist der Wandel
... und so bitten wir Sie, wieder einmal einen Wechsel in den Kontaktdaten der Freunde Abrahams zu notieren. In der vorigen 'Abrahams Post' haben wir auf die neue E-Mail-Adresse aufmerksam gemacht, und heute ist es der Umzug der Geschäftsstelle, der bereits in vollem Gang ist. In Zukunft sind wir postalisch erreichbar unter
Freunde Abrahams e.V. * c/o Prof. Dr. Dr. Manfred Görg *
Südliche Auffahrtsallee 59 " 80639 München
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Was den Menschen böse macht - die Sündenfallerzählung der Bibel
Evelyn Scriba zum Vortrag von Dr. Eugen Drewermann (14.01.2009)
Sollen wir ernsthaft glauben, Schriftstücke, die zwei-, dreitausend Jahre alt sind, können etwas von unseren modernen Auseinandersetzungen begreifen? Können uns ausgerechnet archaische Intuitionen zu mehr Friedfertigkeit verhelfen? Die Geschichte von Adam und Eva, diese Urgeschichte (1. Buch Mose, Kap. 2,4b-3,24), teilt uns nicht Vergangenes mit, sondern macht Grundstrukturen unseres Fühlens und Handelns sichtbar.
Gott schafft uns, den Menschen, aus dem Staub der Erde und haucht uns an. In seiner offenen Hand sind wir trotz aller Vergänglichkeit für immer geborgen. Doch was wird aus uns, wenn wir von uns aus die Verbindung zu unserem Schöpfer - durch was immer es sei - unterbrechen? Die Sündenfallerzählung gibt Auskunft darüber. Gott setzt Adam und Eva in den Garten der Freude, ins Paradies, und trägt ihnen auf, den Garten zu bedienen und zu bewahren. Ein einziges Verbot spricht er aus: Die Menschen sollen nie vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse essen. Eva mangelt es keineswegs an gutem Willen, sich an dieses Verbot zu halten; doch dann greift sie zu und gibt von der Frucht auch dem Mann an ihrer Seite. Was ist passiert? Was hat sich in Eva abgespielt? Der listigen Schlange war es gelungen, Angst in Evas Herz zu säen, die bewirkte, dass sich ihr Gottesbild veränderte und Gott nicht mehr der Grund ihres Halts und Vertrauens war. Angst und Verzweiflung haben sie dazu gebracht, gegen das Verbot zu verstoßen, nicht Hochmut. Nun hört das Paradies auf, das Paradies zu sein. Doch wozu hat Gott dieses Verbot überhaupt aufgestellt, und was meint hier Gut und Böse? Sicherlich hat Gott nicht verboten, Gut und Böse im moralischen Sinn zu erkennen. Denn dann hätte er dem Menschen verboten, moralisches Selbstbewusstsein zu entwickeln. Aus dem Kontext geht hervor, dass Gut hier soviel heißt wie sinnerfülltes, glückliches, reiches Leben und Böse dann das Gegenteil. Gott musste dieses Verbot erlassen, da er den Menschen ersparen wollte zu erkennen, was Gut und Böse in diesem Sinn heißt. Sobald nämlich der Mensch den Kontakt des Vertrauens zu seinem Schöpfer aus lauter Angst verlässt, verkehrt sich augenblicklich alles, was gut ist, in sein Gegenteil. Ohne die unsichtbare Hand, die uns hält, starren wir in einen Abgrund, über dem wir gelagert sind. Todesangst überkommt den Menschen, wenn im Hintergrund kein Gegenüber ist, das uns, weil es uns liebt, sagt, wir sollen sein, wir sind erwünscht. Und dieses Gegenüber dürfte kein Mensch wie wir sein, es müsste im Ursprung von allem liegen. Denken wir uns das Vertrauen zu diesem Gegenüber weg, dann bleibt nur noch die Angst, die den Menschen um seinen Verstand bringt und ihn böse macht.
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"Gemeinsam den Namen der Religion reinigen"
Jakob Finci zu Gast bei den 'Nymphenburger Gesprächen'
von Stefan J. Wimmer
Es war ein ganz besonderer Gast, der am 25. Mai den Großen Sitzungssaal des Neuen Rathauses füllte: der langjährige Präsident der Jüdischen Gemeinschaft eines maßgeblich muslimisch geprägten europäischen Landes. Während der Bosnien-Reise der Freunde Abrahams im Oktober letzten Jahres waren wir vom Besuch der Synagoge(n) in Sarajewo stark beeindruckt, und noch mehr davon, was wir über das beispielhafte Miteinander der Religionsgemeinschaften in diesem Land erfuhren (siehe dazu den Beitrag "Reiseeindrücke aus Bosnien und Herzegowina" in der 'Abrahams Post' Sommer 2009). Wie viele europäische Länder können - so wie Bosnien und Herzegowina - von sich sagen, dass es zu keiner Zeit in ihrer Geschichte Judenverfolgungen gab? Umso schrecklicher war der Einbruch der nationalsozialistischen und faschistischen Besatzung, als die jüdische Gemeinde im "europäischen Jerusalem" oder "Toledo des Balkans" beinahe ausgelöscht wurde. Im nächsten Krieg, der in den 1990er Jahren über das Land hereinbrach, war es die nur noch kleine Jüdische Gemeinde, die, keiner der Kriegsparteien zugehörig, humanitäre Hilfe für alle Bevölkerungsgruppen im belagerten Sarajewo und wo immer möglich im Land leistete. Nach dem Krieg war es Jakob Finci, der den "Interreligiösen Rat von Bosnien und Herzegowina" initiierte, um "gemeinsam den Namen der Religion zu reinigen" vom politischen Missbrauch.
Den prominenten Präsidenten der Jüdischen Gemeinschaft konnten wir während unserer Reise nicht antreffen, denn er war auf dem Weg in die Schweiz, wohin ihn sein Land als neuen Botschafter entsandt hat. Zusammen mit der Islamischen Gemeinde Penzberg luden wir ihn nun für die 'Nymphenburger Gespräche' nach München ein.
Den vollständigen Text seiner Rede in München dürfen wir im neuen Heft der 'Blätter Abrahams' 8, 2009, in deutscher Übersetzung veröffentlichen. Einige Auszüge:
"Wir müssen zugeben, dass die Religion im Krieg missbraucht wurde, und wenn Religion als ein Mittel gedient hat, um Spannungen und Hass zu schüren, dann wollen wir Religion jetzt als ein Mittel nützen, um zur Versöhnung beizutragen. ...
Vor dem letzten Krieg (wenn es denn der letzte war ...) haben vier (Religions-)Gemeinschaften Jahrhunderte lang in guten Beziehungen zusammen gelebt. Toleranz war einer der am meisten geachteten Bestandteile des täglichen Lebens für ganz normale Bürger in Bosnien und Herzegowina. Und sogar während eines so grausamen, blutigen Krieges wurden gut nachbarschaftliche Beziehungen aufrecht erhalten, und es erscheinen inzwischen Bücher, die Fälle von gegenseitiger Hilfe unter Angehörigen verschiedener Religionen beschreiben. Manche dieser bewegenden Berichte erinnern uns an ähnliche Geschichten aus der Zeit des Holocaust. Einige Juden wurden durch die Hilfe von Nicht-Juden gerettet, die dabei alles riskiert haben, einschließlich ihres eigenen Lebens, einfach nur um Nachbarn zu retten. …
Die Lösung für Bosnien - und ich möchte sagen für Europa - im Hinblick auf Religion liegt in der Verschiedenheit in Einheit. Die Verwirklichung der Gleichheit jeder Religion ist eindeutig notwendig, auch wenn das kein leicht zu erreichendes Ziel ist."
Den zahlreichen, überwiegend muslimischen Bosniern im Saal war anzumerken, dass der Jude Jakob Finci ihnen aus dem Herzen sprach. Schade, dass nur wenige jüdische Münchner diese Erfahrung miterlebt haben.
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Srebrenica und kein Ende?
von Stefan Jakob Wimmer
Das Europäische Parlament hat im Jahr 2009 erstmals den 11. Juli, den Jahrestag der Ermordung und Vertreibung vieler Tausender muslimischer Bosnier in und aus Srebrenica - des schrecklichsten Kriegsverbrechens auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg - zum Gedenktag für die gesamte Europäische Union erklärt.
Die Teilnehmer/-innen der Bosnien-Reise der Freunde Abrahams letzten Oktober werden den Besuch in der Gedenkstätte Srebrenica/Potocari in unauslöschlicher Erinnerung behalten.
Es muss gerade vor diesem Hintergrund besonders nachdenklich stimmen, dass nur wenige Tage nach dem Gedenktag die Kommission der Europäischen Union bekannt gab, dass die Visumpflicht für Bürger der Länder Serbien, Mazedonien und Montenegro demnächst aufgehoben wird, nicht aber für die Bürger Bosniens, Albaniens und des Kosovo. Die Einschränkungen werden damit gleichzeitig für serbische Bosnier (die so wie auch die kroatischen Bosnier über entsprechende Zweitpässe verfügen) aufgehoben - allein die muslimischen Bosnier bleiben benachteiligt.
Der ehemalige Hohe Repräsentant der Internationalen Gemeinschaft in Bosnien Christian Schwarz-Schilling hat zusammen mit zahlreichen prominenten Persönlichkeiten einen Aufruf gegen diese neuerliche Diskriminierung gerade der Opfer des Bosnien-Krieges durch europäische Instanzen veröffentlicht, den wir aufgrund unserer Verbundenheit mit allen Menschen, die mit der Scham und dem Entsetzen über das Versagen in der Vergangenheit die Hoffnung auf eine gedeihliche Zukunft für alle in Bosnien und Herzegowina und in Europa verbinden, hier wiedergeben.
Europäische Kommission spaltet Südosteuropa
Mit großer Besorgnis beobachten wir die aktuelle Südosteuropa-Politik der Europäischen Kommission. Die Visa-Politik gegenüber den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens droht, zwei Klassen von Bürgern in Südosteuropa auf ethnischer Grundlage zu schaffen.
Wir begrüßen, dass ab dem 1. Januar 2010 den Bürgern aus Montenegro, Mazedonien und Serbien Reisefreiheit in die Europäische Union gewährt wird. Beispielsweise Bosnien und Herzegowina wird aber das gleiche Reiserecht verweigert. Die Europäische Kommission missachtet, dass Bosnien und Herzegowina und Serbien bei der Einführung biometrischer Pässe und diverser Gesetzesprojekte der Visa-Roadmap fast gleich auf sind. Die Argumente, die als Begründung dienen, sind in der Sache nicht überzeugend und politisch verantwortungslos.
Mit ihrem Visa-Gesetzesvorhaben verstärkt die Europäische Kommission die Spannungen innerhalb der fragilen Nachkriegsgesellschaften, indem sie ethnische Trennlinien formalisiert und zweifelhafte Legitimität verleiht. Denn nur ein Teil der Staatsbürger in Bosnien und Herzegowina wird von den neuen Reisegesetzen profitieren: Serbische Bosnier und serbische Kosovaren reisen dank ihrer serbischen Zweit-Staatsbürgerschaft ab dem 1.1.2010 visumfrei in die EU. Die kroatischen Bosnier profitieren bereits mehrere Jahre von der Visa-Liberalisierung der EU gegenüber Kroatien. Für die Bosniaken aus Bosnien und Herzegowina bleiben aber die bestehenden Reiseeinschränkungen oder Reiseverbote bestehen. Ethnische Zugehörigkeit wird somit de facto über die Reisefreiheit entscheiden.
In diesen Tagen vor 14 Jahren wurden in der Umgebung von Srebrenica tausende muslimische Jungen und Männer ermordet. Es ist ein politisches Armutszeugnis für die Europäische Union, dass die bosniakischen Überlebenden und Hinterbliebenen gegenüber den hunderten, bislang straffreien serbischen Schützen und Kommandeuren von Srebrenica sowie vielen anderen Tätern benachteiligt werden sollen.
Die deutsche Nachkriegsgeschichte erinnert uns, wie wichtig Reisefreiheit für die friedliche Entwicklung einer Gesellschaft ist: Mit der Änderung der Reisegesetze in der DDR am 9. November 1989 fiel die Mauer. Ost- und Westeuropa wuchsen zusammen. Den Menschen in Südosteuropa steht die gleiche Reisefreiheit zu. In einer Region, in der das Gespenst des Nationalismus noch immer nicht aus den Köpfen verschwunden ist, brauchen Gedanken- und Meinungsfreiheit auch die Freiheit des Reisens. Nicht Freiheit schafft Instabilität, sondern deren Unterdrückung.
Es ist der Grundgedanke der Visa-Liberalisierungspolitik der Europäischen Union, Südosteuropa an die EU heranzuführen und europäische Verständigung zu verbreiten. In den kommenden Wochen haben die Europäische Kommission, der Europäische Rat und das Europäische Parlament die Wahl, ob ihre Visa-Politik Europa einen oder auf ethnischer Grundlage spalten soll.
(14. Juli 2009 - Christian Schwarz-Schilling, Bärbel Bohley, Daniel Cohn-Bendit, Erich Rathfelder und 18 weitere prominente Erstunterzeichner aus ganz Europa)
Die Petition kann im Internet unterzeichnet werden unter:
www.balkangoeseurope.eu oder per E-mail an: southeastern.europe@gmx.de
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Lauingen - Dillingen - Höchstädt - Binswangen
Tagesausflug am Samstag, 20. Juni 2009
Albrecht Busch
Von Wertingen nach Lauingen sind es keine 20 km. Fast auf der Strecke liegen die Orte Binswangen, Dillingen und Höchstädt. Trotzdem waren vor gut 200 Jahren noch drei Grenzen zu überschreiten: vom kurbairischen Wertingen über das Vorderösterreichisch/Kemptener Binswangen ins Bischöflich-Augsburgische Dillingen, während Lauingen und Höchstädt Pfalz-Neuburgisch waren.
Was ist da Heimat? Wie kleinräumig oder weitläufig ist "Heimat" aufzufassen? War Binswangen um 1850 n. Chr. den Juden Heimat? Ist Lauingen für die Mitglieder der türkisch-islamischen Gemeinde im Jahr 2009 n. Chr. Heimat? Waren die römischen Besatzer um 170 n. Chr. im ehemals keltischen Kultort (heute im Lauinger Ortsteil Faimingen) beheimatet? Und hat Max Emanuel 1704 bei Höchstädt/Blindheim seine Heimat verteidigt?
Ja, die Juden waren Binswanger, "die Türken" sind Lauinger, nur die Römer haben das keltische Grannus-Heiligtum (übrigens in der Bibliothek von Ephesus bereits erwähnt) dem Apoll umgewidmet und zum Tempel umgebaut. Was also ist Heimat und was ist Fremde?
Die Freunde Abrahams erlebten einen reichen Tag an diesen Orten: Die Synagoge in Binswangen, im 19. Jh. im maurischen Stil errichtet, heute zur Begegnungsstätte renoviert, wurde uns samt ihrem Friedhof von Herrn Urban gezeigt. MdL Prof. Dr. Barfuß und Herr Durak Aytan zeigten uns, wie mitten in Bayern eine Moschee im türkischen Stil akzeptiert ist. Das Apollo-Grannus-Heiligtum wurde von Prof. Dr. Dr. Manfred Görg und PD Dr. Stefan Wimmer vermittelt, und die Basilika von Dillingen von Herrn Bernhard Coers.
Nur eben die heimatlich-bayerischen Städtchen Lauingen, Dillingen (das "bayerische Rom") und Höchstädt kamen bei der Besichtigung etwas zu kurz. Man kann's nachholen.
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München und der Orient
von Stefan Jakob Wimmer
"Welche Wurzeln hat unsere Kultur? Können wir nicht vieles Vertraute erst durch das Phänomen der Kulturbegegnungen verstehen? Warum gibt es Moriskentänzer in München? Und warum reiste Kandinsky von München aus gerade in ein islamisch geprägtes Land, um in der dortigen Kunst Wahlverwandtschaften zu suchen? Was wiederum macht den orientalischen Flair der Goethestraße aus? Und warum gibt es eine Türkenstraße in München?" - Mit solchen Fragen haben sich 15 Studentinnen und Studenten der LMU im Rahmen des Seminars "Fremde Bilder - Beiträge zu einer interkulturellen Kunstpädagogik" am Lehrstuhl für Kunstpädagogik unter Leitung von Dr. Ernst Wagner im Sommersemester 2009 beschäftigt. Mit Unterstützung der Stelle für interkulturelle Arbeit der LH München und der Freunde Abrahams durfte ich die Teilnehmer bei ihrer Spurensuche begleiten, die eine oder andere Anregung einbringen und dabei auch selbst einiges dazu lernen.
Erste Ergebnisse wurden am 30.7. im Großen Sitzungssaal des Neuen Rathauses vorgestellt, als Auftakt der Veranstaltungsreihe "Islam entdecken - Von der Selbstverständlichkeit des Miteinanders", die die Stelle für interkulturelle Arbeit zusammen mit dem Muslimrat München organisiert (siehe dazu unter "Empfehlenswerte Veranstaltungen anderer Träger"). Geplant ist nun, dass das Seminar fortgesetzt wird, und dass die bereits bearbeiteten Themen auf einer Website im Internet präsentiert werden.
Zugleich versteht sich diese Website als virtueller Auftakt für ein zukünftiges "Islamisches Museum München", das die Landeshauptstadt im Rahmen der Initiative "Zentrum für Islam in Europa - München (ZIE-M)" von Imam Benjamin Idriz plant. Der Initiative wünschen wir, dass sie schon bald ganz real unsere Stadt bereichern wird!
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Zum Gedenken an Marwa El-Sherbini:
"Gemeinsam zusammenstehen gegen Menschenfeindlichkeit"
Marwa El-Sherbini lebte seit 2005 in Deutschland. Die Ägypterin trug Kopftuch. Für ihren Mörder war sie deshalb "Islamistin", "Terroristin" und "Schlampe". Die junge Mutter war akademisch gebildet, berufstätig als Apothekerin, ihr Mann Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Biologie und Genetik. Als der fanatische Islam-Hasser die Frau auf einem Spielplatz in Dresden beleidigte, brüllte sie nicht zurück, sie stiftete auch nicht ihren Mann an, Rache für verletzte Ehre zu üben, sondern sie ging vor ein deutsches Gericht und erstattete Anzeige. Sie bekam Recht, der Russlanddeutsche wurde zu 780 Euro Geldstrafe verurteilt.
Dann kam es zur Berufungsverhandlung, und der rassistische 28-jährige Angeklagte zog während der Verhandlung im Landgericht Dresden ein Messer, ging auf die 32-jährige Frau los und stach 18 Mal auf sie ein. Ein anwesender Polizist reagierte erst dann, als der Ehemann seiner Frau zu Hilfe eilen wollte: Der Polizist schoss auf den dunkelhaarigen Ägypter, nicht auf den blonden Täter. Der Mann wurde schwer verletzt, seine Frau - sie war zu dem Zeitpunkt schwanger - starb noch im Gerichtsgebäude. Ihr 3-jähriger Sohn musste alles mit ansehen.
Der Fall wurde an dem Tag, dem 1. Juli 2009, kurz in der Tagesschau gemeldet, dann ging Deutschland zur Tagesordnung über. Erst als eine volle Woche später zunächst in Ägypten, dann überall in der Islamischen Welt, entsetzte und wütende Demonstranten auf die Straßen gingen, reagierten die Medien erneut und berichteten - weniger über den Fall selbst, als über die Rufe nach Rache an Deutschland, und über die wieder einmal an Dummheit kaum zu überbietenden Kommentare des iranischen Präsidenten. Erst dann sprach Außenminister Steinmeier der Familie seine Bestürzung aus, und Kanzlerin Merkel sprach während des G-8-Gipfels in Italien mit dem ägyptischen Präsidenten Mubarak. Bei der öffentlichen Trauerfeier in Dresden nahmen 1500 Dresdner Abschied von Marwa El-Sherbini und legten weiße Rosen als Zeichen des Respekts vor dem Opfer nieder. Gemeinsam besuchten die Generalsekretäre des Zentralrats der Muslime und des Zentralrats der Juden in Deutschland, Aiman Mazyek und Stephan Kramer, den schwerverletzten Ehemann im Krankenhaus. "Man muss kein Muslim sein, um sich gegen anti-islamisches Verhalten zu wenden, und man muss kein Jude sein, um gegen Antisemitismus vorzugehen. Wir müssen gemeinsam zusammenstehen gegen eine solche Menschenfeindlichkeit", so Stephan Kramer.
Aiman Mazyek: "Eine große und wichtige Geste wäre es nun, wenn Frau Merkel sich direkt an die über vier Millionen Muslime in Deutschland wenden würde und den brutalen und rassistischen Mord verurteilen und damit auch noch weiter gesellschaftlich ächten würde. Jetzt sollten wir den Schulterschluss wagen und gemeinsam gegen Antisemitismus, Fremden- und Islamfeindlichkeit und damit Menschenverachtung kämpfen!"
Danach wurde es wieder still, und in Deutschland scheint man erneut zur Tagesordnung übergegangen zu sein. Die Muslime warten weiter auf ein Wort der Bundeskanzlerin, und die Öffentlichkeit scheint von all dem nur am Rande Notiz genommen zu haben.
Wir wollen nicht vergessen, was am 1. Juli 2009 in einem deutschen Gerichtssaal geschehen ist.
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Solarstrom für das "Zelt der Völker"
von Stefan Jakob Wimmer
Von der Initiative "Zelt der Völker" im Heiligen Land haben wir in der 'Abrahams Post' mehrfach berichtet (Herbst/Winter 2008/09 S. 15f.; Sommer 2008 S. 18f.). Auf dem Grund und Boden seiner Familie, einem Weinberg zwischen Bethlehem und Hebron, eingekreist von jüdischen Siedlungen und durch die Mauer abgeschnitten von der Welt, setzt der christliche Palästinenser Daoud Nassar auf Begegnung statt Abgrenzung, auf Recht und Gerechtigkeit statt Gewalt und Terror. Trotz enormer Hürden der israelischen Militärbehörden, die selbst für einfache Hühnerverschläge kostspielige Baugenehmigungen einfordern, hält der junge Mann mit seiner Familie unter einfachsten Verhältnissen auf dem Berg aus und schafft es, vor allem Jugendliche aus aller Welt dort zusammen zu bringen, auch solche aus Israel und Palästina, und Zivildienstleistende aus Deutschland.
Um auch in Zukunft diesen menschlich schon jetzt leuchtenden Ort zu unterstützen, haben Freunde Abrahams gespendet, und zusammen mit Rupert Neudeck, der vor 30 Jahren gemeinsam mit seiner Frau Christel das Komitee Cap Anamur ins Leben gerufen hat und mittlerweile die Organisation Grünhelme e. V. leitet, kam die Idee auf, dort eine Solarstromanlage zu installieren. Leichter gesagt als getan. Über zwei Jahre sind vergangen, bis eine geeignete und finanzierbare Anlage in Deutschland gefunden wurde, dann eine israelische Firma, die das Material einführte und weiterlieferte (und dazu den eigenen Behörden bestätigen musste, dass sich daraus keine Bomben bauen lassen ...), und schließlich alles über die Sperranlagen transferiert werden konnte. Am 11. Juni 2009 war es soweit: die Anlage ist auf dem Berg eingetroffen!
Wir gratulieren Daoud Nassar und allen, denen sein Wirken am Herzen liegt, und danken Rupert und Christel Neudeck für ihre Hartnäckigkeit. Sie haben inzwischen auch eine Antwort vom Außen- und Sicherheitspolitischen Sprecher der Bundeskanzlerin, Dr. Christoph Heusgen, erhalten, der im Auftrag von Angela Merkel schreibt: "Das Projekt ist beeindruckend und zeigt einmal mehr, wie wichtig zivilgesellschaftliches Engagement in Krisenregionen und dessen breite Unterstützung ist. Wie Sie wissen, liegen der Bundeskanzlerin die Fortschritte des Nahostfriedensprozesses und insbesondere auch die Verbesserung der Lebensumstände der Palästinenser vor Ort besonders am Herzen."
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Buchtipps
DER EINE STAMMVATER ABRAHAM?
Zum Verhältnis von Juden, Christen und Muslimen veranstalteten die Katholische Akademie in Bayern und die Evangelische Akademie Tutzing am 27./28. Juni gemeinsam eine Tagung, über die Jürgen Springer in Christ in der Gegenwart Nr. 34/2008, berichtete. Der ausführliche Beitrag 'Religionsfrieden durch Abraham?' rezipiert zunächst die durchweg kritischen Positionen der meisten Referenten und endet dann mit dem Absatz 'Ein Held des Aufbruchs':
'Wie eine Ökumene der Religionen sich dennoch an Abraham ausrichten lässt, zeigte der Münchner Alttestamentler Manfred Görg auf. Er empfahl, im Dialog dringend über das wachsende Desinteresse in den je eigenen Reihen hinauszukommen. Görg, der auch Vorsitzender der Münchner Gesellschaft 'Freunde Abrahams' ist, war der einzige unter den Referenten, der für den abrahamitischen Dialog eine Lanze brach: Abraham stehe demnach weniger für lehramtliche Inhalte, sondern für eine Grundhaltung des Glaubens gegenüber dem Absoluten. Die hebräischen Verben 'gehen' und 'sehen' im Buch Genesis zeigten die Leitmotive seiner prophetischen Existenz. Glauben im Sinne Abrahams bedeute, eine visionäre Kraft für die Zukunft zu entwickeln und das Überkommene hinter sich lassen. Diese Haltung könne auch die Menschen trotz unterschiedlicher Glaubenswege einander näher bringen.'
Der Tagungsbeitrag von Manfred Görg erscheint in BLÄTTER ABRAHAMS 7/2008.
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BUCHTIPPS
Der Aufschrei des Erzbischofs von Bagdad
Christliche Kirchen im Irak
von Jean Benjamin Sleiman
"Christ sein im Irak heißt heute, allen Verirrungen des Fanatismus ausgesetzt zu sein." Damit ist die prekäre Lage benannt, in der sich die irakischen Christen seit dem Sturz Saddam Husseins befinden. Sie bewegen sich zwischen den Fronten um die Macht rivalisierender islamischer Glaubensgemeinschaften einerseits und eines unklug agierenden Westens andererseits.
Jean Benjamin Sleiman stammt aus dem Libanon und ist seit 2001 katholischer Erzbischof von Bagdad. Er verbindet seinen Blick auf die lange und stolze Geschichte der christlichen Gemeinden im Irak mit einer politisch-sozialen Analyse und eigenen Erfahrungen. Dabei spricht er sich für einen Verbleib der Christen im Irak aus, verbunden mit dem Appell an die westlichen Länder, die Christen im Irak zu unterstützen und damit allen Irakern zu helfen.
Echter Vlg. Würzburg 2009, 143 S., ISBN 978-3-429-03081-0, EUR 12,-.
Die schwarze Tulpe
Reisenotizen eines bosnischen Mekkapilgers
von Enes Karic
Ebenso persönlich wie literarisch überzeugend lässt Enes Karic die Leserin und den Leser an den Eindrücken der Pilgerfahrt nach Mekka und Medina teilhaben. Es ist die Person des Autors, durch den sich diese neueste Publikation der Edition Avicenna von den vielen inzwischen auch auf Deutsch verfügbaren Beschreibungen der Hadsch anhebt. Als ehemaliger Dekan der Fakultät für Islamische Studien von Sarajewo gehört Prof. Enes Karic zum Kreis der progressiven bosnischen Muslime, die das europäische Gesicht des Islam mitgestalten. In den 1990er Jahren war er Minister für Erziehung und Wissenschaft seines Landes. 2008/2009 war er Allianz-Gastprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität.
Edition Avicenna, München 2009, 143 S., ISBN 978-3-941913-00-4, EUR 12,90.
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