INFOBLATT DER FREUNDE ABRAHAMS E.V.
Inhalt
Editorial
Berichte - Notizen - Tipps
Buchtipps
Reise
Die gute Nachricht
Veranstaltungskalender
EDITORIAL:
Erinnerung und Mit-Leid
Die letzten Wochen haben gezeigt, dass das Zusammenleben
von Religion und Gesellschaft, Kirchen und Staat keineswegs so problemlos funktioniert, wie man uns glauben
machen will. Die Auseinandersetzungen im Nahen Osten wurden zu einem Albtraum für die Beteiligten und die
Zeitgenossen. Auch hierzulande werden Schuldvorwürfe hin- und hergetragen. Beide Seiten ersuchen in der
Weltöffentlichkeit um Verständnis für ihre Lage. Die Neigung zu selbstgerechter Parteinahme ist allenthalben
spürbar. Wo bleibt die Erinnerung an die Sehnsucht nach echtem Frieden?
Auch die gesellschaftliche Situation unseres Landes gibt Zeichen
einer Hilflosigkeit. Hier allerdings gilt sie eher den Fragen des wirtschaftlichen Überlebens, der massiv
übergreifenden Finanznot. Auch hier werden wohlfeile Vorschläge in aller Öffentlichkeit diskutiert und mit
vermeintlichen Fakten untermauert. Ernst gemeinte und Beifall heischende Ideen ringen um den politischen Vorteil.
Wo bleibt hier die Erinnerung an die Kräfte des Zusammenfindens in der Not?
Selbst Religion und Kirche werden von dem Ungeist der Verwirrung
heimgesucht. Die römische Kirchenleitung tut sich schwer, transparente Entscheidungswege zu begehen, die auch
eine Verantwortung vor der Öffentlichkeit in der Kirche, vor der Ökumene und vor den Religionen anerkennen und
in konstruktives Handeln umsetzen. Auch hier kommt es zu plötzlichen Vorbehalten, Verdrehungen, Missdeutungen
und Intrigen, gepaart mit menschlichen Unzulänglichkeiten im Umgang mit Krisen. Dass die Leugnung der
verheerenden Schoah statt zur Beschämung aller Christen schon wieder zu selbstherrlicher Positionierung so
genannter Traditionalisten geführt hat, geht wie ein scharfes Schwert in das Gemüt aller, die sich um ein
glaubwürdiges Miteinander von Christen und Juden bemühen.
"Wenn ein Glied leidet, leiden die anderen mit". Das Pauluswort (1 Kor 12,26) gilt über die Kirche hinaus für alle, die sich der Mitmenschlichkeit verschrieben haben, ohne damit als "Gutmenschen" abqualifiziert werden zu dürfen. Die Erinnerung an das unendliche Leid der Opfer rassistischer Willkür muss in ein Mit-Leiden mit den Betroffenen münden und zugleich die gemeinsame Bindung an den Schöpfer und das Geschenk des Lebens aller wach halten und intensivieren. Dazu helfe uns der Gott der Juden, Christen und Muslime.
Manfred Görg
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7. Ordentliche Mitgliederversammlung am 20. Januar 2009
von Brigitte Hutt
Ein Tag, an dem die Welt in die USA blickt, zur Vereidigung von Präsident Obama. Auch Prof. Görg nimmt in seinen Begrüßungsworten Bezug auf dieses Ereignis, spricht die allgemeine Hoffnung auf mehr Menschlichkeit und Achtung voreinander an, die sich für viele in der Person Obamas verkörpert, und die auch unser Auftrag und Ziel ist.
Eine beachtliche Zahl von Ereignissen kann Dr. Wimmer in seinem Rückblick aufzeigen; herausragend dabei die Reise 2008 in das vom Krieg gezeichnete Bosnien. Zukunftsweisend: Der "Arbeitskreis Silberlinge" bemüht sich um Sponsorenwerbung mit Hilfe der neuen Broschüre zur Selbstdarstellung des Vereins.
Außerhalb des üblichen Dreijahresturnus wurden Nachwahlen vorgenommen, da Schatzmeister und zwei Beiräte ihre Ämter zur Verfügung gestellt haben. Der bisherige Schatzmeister Albrecht Busch legte seine Wunschnachfolgerin Karin Hildebrand den 47 wahlberechtigten Anwesenden wärmstens ans Herz, die dieser Empfehlung gern folgten. Für die Beiratsämter von Andrea Gramann und Evelyn Scriba standen gleich drei Kandidaten zur Verfügung, so dass ein recht spannender Wahlgang zu den neuen Beiräten Eva König und Manfred Hutt führte. Wir freuen uns, in dem dritten Kandidaten Stefan Bauer ein weiteres Mitglied gefunden zu haben, das uns Arbeitszeit zur Verfügung stellen kann und mag.
Als Abrundung berichtete Frau Dornier-Schlörb das Neueste aus ihrem Jugendbegegnungsprojekt "Kinder Abrahams" (vorgestellt vor einem Jahr). In diesem Zusammenhang trug Prof. Görg das bewegende "Gebet eines Juden für die Kinder von Gaza" vor, das wir in diesem Heft ebenfalls abdrucken.
Danksagung
Die gute und erfolgreiche Arbeit der letzten Jahre war nur möglich dank des unermüdlichen Einsatzes der ausgeschiedenen Mitarbeiter Albrecht Busch (Schatzmeister), Andrea Gramann und Dr. Evelyn Scriba (Beirat). Nichts im Leben ist so beständig wie der Wechsel, und so sind Neuorientierungen eines jeden engagierten Menschen zu verstehen und zu respektieren. Aber unser ausdrücklicher Dank gilt diesen drei Menschen, die den Freunden Abrahams so viel gegeben haben, und die den Verein sicher weiter begleiten werden. Ihnen und ihren neuen und zukünftigen Projekten wünschen wir alles erdenklich Gute und Gottes Segen!
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Gebet eines Juden für die Kinder von Gaza
Wenn es jemals eine Zeit zum Gebet gegeben hat,
dann ist es jetzt.
Wenn es jemals einen vergessenen Ort gegeben hat,
dann ist es Gaza.
Herr, Schöpfer aller Menschenkinder,
erhöre unser Gebet an diesem verfluchten Tag.
Gott, den wir den Gesegneten nennen,
wende dein Antlitz ihnen zu, den Kindern von Gaza,
dass sie deinen Segen erfahren und Schutz.
Dort, wo jetzt nur Dunkelheit und Rauch herrscht,
und eine Kälte, die in die Haut schneidet.
Allmächtiger, der du Ausnahmen machst, die wir Wunder nennen:
Mache auch eine Ausnahme mit den Kindern von Gaza.
Bewahre sie vor uns und vor den ihrigen.
Verschone sie. Heile sie. Lass sie in Sicherheit leben.
Erlöse sie von Hunger und Grauen, von Wut und Trauer.
Erlöse sie von uns und von den ihrigen.
Gib ihnen ihre gestohlene Kindheit zurück,
ihr Geburtsrecht -
als einen Vorgeschmack auf den Himmel.
Erinnere uns, oh Herr, an das Kind Ismael,
den Vater aller Kinder von Gaza.
Wie das Kind Ismael ohne Wasser in der Wüste bei Beerscheba
zum Sterben zurückgelassen war.
Aller Hoffnungen beraubt,
dass seine eigene Mutter es nicht ertragen konnte,
sein Leben vergehen zu sehen.
Sei der Herr, der Gott unseres Verwandten Ismael,
der seinen Schrei hörte und seinen Engel schickte,
die Mutter Hagar zu trösten.
Sei der Herr, der an dem Tag bei Ismael war,
und an allen Tagen danach.
Sei der Gott, der Barmherzige, der Hagar die Augen auftat,
und ihr den Brunnen zeigte,
damit sie ihrem Jungen zu trinken gebe und sein Leben rette.
Allah, den wir Elohim nennen,
der Leben schenkt,
der den Wert und die Zerbrechlichkeit eines jeden Lebens kennt,
schicke diesen Kindern deine Engel.
Rette sie, die Kinder von Gaza,
der schönsten und zugleich verdammten Stadt.
In diesen Tagen rufen wir Dich an.
In Tagen, in denen die Erschütterung, der Zorn und die Trauer,
die Krieg genannt werden,
unsere Herzen ergriffen und mit Narben bedeckt haben.
Rufen wir Dich an, den Gott, dessen Name Frieden ist:
Segne diese Kinder und halte Schaden von ihnen fern.
Wende ihnen dein Antlitz zu, oh Herr.
Zeige ihnen, als wäre es das erste Mal,
Licht und Freundlichkeit und überwältigende Gnade.
Sieh auf zu ihnen, oh Herr. Lass sie dein Gesicht schauen.
Und gewähre ihnen Frieden - als wäre es das erste Mal.
Rabbi Levi Weimann-Kelman von Kol HaNeshama, Jerusalem
Aus: Haaretz
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Visionäres Glauben
Statement von Prof. Görg zum Friedensgebet 2009 während der Sicherheitskonferenz in München
Wie so oft, hält die Welt der Friedfertigen den Atem an. Nicht nur wegen der offenbar weiterhin bedrohlichen und schier unlösbaren Konflikte im Nahen Osten und dazu der apokalyptischen Szenarien in Mittelasien und Fernost, sondern auch wegen der massiven Differenzen zwischen religiösen Formationen mit unzureichender Verarbeitung von Schuld und Versagen.
Bei einem meiner letzten Aufenthalte in Jerusalem war ich zu Besuch bei zwei älteren jüdischen Kolleginnen eingeladen. Als das Gespräch u. a. auch auf die politische Lage kam, befiel eine der beiden Damen ein plötzlich auftretendes Zittern, das erst durch das behutsame Auflegen der Hand ihrer Nachbarin auf den Arm nachließ. Mir wurde plötzlich bewusst, dass man in Israel nicht einfach über die gegenwärtigen Zwänge und Ängste reden kann, ohne die ganz tief sitzende Verstörung, die bleibend existentielle Labilität und das alles erfassende Bedürfnis nach Sicherheit zu spüren. Die Erinnerung an den Holocaust ist in Israel permanent gegenwärtig und bestimmt, ob offen eingestanden oder nicht, das politische Handeln und Urteilen, die persönlichsten Empfindungen und Befindlichkeiten. Die Opfer stehen immerzu vor Augen und lassen die Lebenden nicht in Ruhe. Sie bedrängen die Lebenden in Gedanken, Erinnerungen und Träumen, sie lassen sich nicht verdrängen. Die einstmals Verfolgten scheinen so in gewisser Weise selbst zu Verfolgern geworden zu sein. Doch die bleibende und niemals zu relativierende Erinnerung an die einstmalige Zufügung des Leids darf selbst nicht lähmen, darf nicht in eine tödliche Spirale münden. Den Urhebern des unvorstellbaren Leids sollte nicht im Nachhinein der scheinbare Triumph vergönnt werden, der Gewalt an sich und dem Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt den Mantel einer zeitlosen Legitimation oder gar Normalität umgehängt zu haben. Leid darf nicht und niemals weiteres Leid schaffen.
Die jüdische Dichterin Nelly Sachs hat diese Mahnung mit der ihr eigenen fragilen und sensiblen Weise in der beschwörenden Bitte "Auf dass die Verfolgten nicht Verfolger werden" zur Sprache gebracht.
Ihr meine Toten
Eure Träume sind Waisen geworden
Nacht hat die Bilder verdeckt
Fliegend in Chiffren eure Sprache singt
Die Flüchtlingsschar der Gedanken
Eure wandernde Hinterlassenschaft
bettelt an meinem Strand
Unruhig bin ich
sehr erschrocken
den Schatz zu fassen mit kleinem Leben
Selbst Inhaber von Augenblicken
Herzklopfen Abschieden
Todeswunden
Wo ist mein Erbe
Salz ist mein Erbe
Scheinbar unvergleichlich mit diesen Ängsten ist das, was auf palästinensischer Seite geschehen ist und geschieht, wo in den letzten Wochen bis zur Stunde panische Sorge um das eigene Leben und Überleben zur ständigen Erfahrung gehört und wohl noch weiter gehören wird. Hier gibt es die schrecklichen Bilder der unmittelbar zurückliegenden und greifbar präsenten Verluste an Menschenleben, des Leidens der Älteren und der Jungen, vorab des Elends der Kinder. Hier schmort und kocht der Hass auf den todbringenden Nachbarn, der die kommenden Generationen zu prägen droht, so dass auch hier die Toten auf Dauer hin vor den Augen der Zeitgenossen stehen werden. So sind auch hier die Verfolgten zum Verfolger geworden und werden es werden, so lange der irrwitzige Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt anhält.
Die Toten gleich welcher Kontrahenten, sei es aus der Gegenwart oder Vergangenheit des Schreckens, sie klagen an und beschwören zugleich einen Wandel, der ein rückhaltloses Eintreten der noch Lebenden für das uns allen geschenkte Leben fordert. Dabei ist der Verzicht auf jedwede Demütigung auf allen Seiten angezeigt. Vielmehr gilt es gerade angesichts für uns alle erfahrbarer Grenzen des Lebens eben für ein Leben in Frieden und menschlicher Würde zu werben.
"So viel Aufbruch war nie!". So lautet das diesjährige Motto der kommenden Woche der Brüderlichkeit. Manch einem fällt angesichts der Irritationen in jüngster Zeit eher das Gegenteil ein: "Soviel Abbruch war nie!". Doch diese Provokation nötigt zur erneuten und rückhaltlosen Wahrnehmung des grenzenlosen Leids und zur Abwehr jeder Relativierung, aber auch zu einem entschiedenen und konsequenten Bekenntnis zur Vielfalt der Initiativen hin zur Durchbrechung der Gewaltspirale.
Für Juden, Christen und Muslime gilt es in gleicher Weise, sich erneut auf den gemeinsamen Gott der Lebensschöpfung und des lebenserhaltenden Friedens einzulassen. Nichts Anderes meint das berühmte Wort des Propheten Jesaja:
Wenn ihr euch nicht in Gott festmacht, habt ihr keinen Bestand! (Jes 7,9)
oder (mit Martin Luther): "Gleubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht". Dies ist kein Drohwort, sondern eine existenzbezogene Devise: Ohne die grundsätzliche Orientierung an dem Stifter von Leben und Frieden geht rein gar nichts. Nur sie schafft ein menschenwürdiges Dasein.
Das biblische Wort für "Glauben" ist verwandt mit dem arabischen amana mit gleicher Bedeutung und dem aus dem Hebräischen stammenden und dem Christen vertrauten Wort "Amen", das ebenfalls ein unbedingtes Zutrauen und Vertrauen auf den Gott des Lebens zum Ausdruck bringt. Juden, Christen und Muslime können sich in diesem wirklich fundamentalen Akt der Glaubenshaltung treffen, um zugleich der Gewalt immer wieder zu widerstehen.
Ali Laridschani, der Vertreter des Iran bei der "Sicherheitskonferenz" hat gestern mit gewissem Recht gefragt: "Glauben Sie, dass das Leid nur durch einen neuen Tonfall gut gemacht werden kann?" Wenn die Sprache der Politik nicht von erkennbaren Zeichen des Entgegenkommens und der Versöhnung geprägt und begleitet ist, geht in der Tat auch jede neue scheinbare Friedensinitiative ins Leere. Gegenwärtig bedarf es gewiss eines unverrückbaren Glaubens an den Beistand, den der Gott des Lebens jedem Menschen guten Willens garantiert, so wie dies die prophetische Rede bezeugt.
Wiederum ist es Nelly Sachs, die in ihrer Gedichtsammlung "Fahrt ins Staublose" diese prophetische Vision artikuliert:
Wenn die Propheten einbrächen
Durch Türen der Nacht
Und ein Ohr wie eine Heimat suchten -...
Ohr der Menschheit
Du mit dem kleinen Lauschen beschäftigtes,
würdest du hören?
Wenn die Propheten
Mit den Sturmschwingen der Ewigkeit hineinführen
wenn sie aufbrächen deinen Gehörgang mit den Worten:
Wer von euch will Krieg führen gegen ein Geheimnis
wer will den Sterntod erfinden?
Wenn die Propheten aufständen
in der Nacht der Menschheit
wie Liebende, die das Herz des Geliebten suchen,
Nacht der Menschheit
Würdest du ein Herz zu vergeben haben?
Ich darf ein Zitat aus dem Hohenlied anfügen:
"Stark wie der Tod ist Liebe" (Hl 8,6)
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Nachruf
von Manfred Görg
Kürzlich hat uns die traurige Nachricht erreicht, dass das älteste Mitglied unserer Gesellschaft, Frau Melanie Steinmetz, im 102. Lebensjahr in die ewige Heimat abberufen worden ist. Frau Steinmetz ist dem Anliegen der Freunde Abrahams bis zuletzt in besonderer Weise verbunden gewesen. Dafür bewahren wir ihr ein ehrendes Gedenken. Möge sie ruhen in Frieden!
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Um einen neuen katholischen Aufschwung von innen bittend
von Rupert Neudeck
Dr. Rupert Neudeck, Gründer des Comitees Cap Anamur und des Friedenskorps Grünhelme e.V. und ein guter Freund der Freunde Abrahams, hat uns die folgende Stellungnahme vom 09.02.2009 zugesandt.
Jacob Burckhardt hat in seinen "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" ein Kapitel hinterlassen, das überschrieben ist: "Die Religion in ihrer Bedingtheit durch den Staat". Darin findet sich ein "Zusatz 1873", in dem der Historiker der katholischen Kirche mit ihrem Syllabus und dem Papst Pius IX. attestiert, dass er die "so nützlich erscheinenden Übergänge eines liberalen Katholizismus nicht nur total desavouiert", sondern auch "die ganze Stellung des Katholizismus in der Welt unermesslich erschwert" habe.
In einem Zusatz 2009 müsste Burckhardt schreiben: "Papst Benedikt XVI. hat das vernünftige Verhandeln mit den Staaten schwer oder unmöglich gemacht und das zweite Vatikanum mit seinem ganzen Bemühen um eine moderne freie, frei atmende und engagierte Kirche desavouiert und die Stellung der Katholiken in der Welt unermesslich erschwert."
Es hilft nichts mehr, es wird jetzt von Katholiken ein wenig mehr Freimut und evangelische Offenheit verlangt und gefordert. Wir dürfen uns jetzt nicht mehr so heftig hinter unseren liebgewordenen Gewohnheiten verstecken, die uns die Feigheit nicht nur erlauben, sondern geradezu zur eingefahrenen Richtschnur gemacht haben. Es muss meine Katholische Kirche eine neue Form finden.
Das Erbe der modernen Menschheit, und das heißt auch das Erbe der Menschenrechte und der Demokratie, darf nicht mehr unbedarft verschleudert werden.
Bei der Erkenntnis, dass der Apparat in Rom nicht gut arbeitet und dem Kirchenoberhaupt wichtigste Informationen vorenthält, darf nicht Schluss sein. Es ist höchste Zeit, dass frischer Wind und neue Talente in die Kirche kommen. Damit zusammenhängend muss die Klerikalisierung der Kirche aufgebrochen werden. Im Grunde ist sie das ja schon.
- Wenn ich den Wortgottesdienst unter einem Baobab Baum in Ntarama in Ruanda mitmache, und jemand durch den Busch die geweihten Hostien anschleppt,
- wenn ich im Ingutcheni-Krankenhaus im zimbabweschen Bulawayo mit den Kranken einen Wortgottesdienst feiere, mit wunderbaren Gesängen und einer inbrünstigen Schar von Gläubigen dieses größten Psychiatriehospitals im südlichen Afrika,
- wenn ich erlebe, wie die Kirchen in Europa alle zugeschlossen werden, Gläubige keinen Zugang haben, nicht mal mit ihren kleinen Kindern zur Weihnachtszeit es erlaubt ist, in den Kirchen die Krippen den eigenen Kindern zu zeigen,
- wenn in Frankreich die Sequenz der heiligen Messen auf eine im Monat in einer Kirche reduziert ist, die ansonsten den ganzen Monat geschlossen ist -
- dann weiß man doch, dass das nicht das Ende des freien Geistes von Jesus Christus und seiner Kirche ist.
Gläubige müssen eine viel gewichtigere Funktion haben. Wie wir alle gleiche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger in der Republik Deutschland sind, so auch gleiche Gläubige, gleiche Sünder und Heilige vor Gott in der Kirche, in fröhlichem Austausch mit den Muslimen, den Juden und den Protestanten.
Deshalb: Der Zusatz bei Jakob Burckhardt muss eine Konsequenz haben, wie der wirklich authentische Zusatz von 1873 ihn nicht gehabt hat. Es müssen in der Kirche endlich die französische und die nordamerikanische Revolution und damit die Menschenrechte anerkannt werden.
Und ich möchte als Katholik einen Priester, Prälaten oder Bischof einfach auf Anfrage besuchen können - und der sollte frei sein, mich in meiner Familie zu behelligen.
Es fehlt den Bischöfen die demokratische Smartheit und Wendigkeit. Mit dem Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble bekomme ich immer einen Gesprächstermin zustande, und der hat eine Menge zu tun. Sogar mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel kann das zur Not gelingen. Aber nicht mit einem Bischof. Das beginnt mit der Semantik. Ich bekam jüngst in einer ernsten Notlage, da ich wenigstens einen deutschen Bischof über die große Notlage der Menschen in Zimbabwe nach einem illegalen Besuch vor Ort im Januar 2009 informieren wollte, die Antwort: Nein, der Bischof sei so überlastet, dass er sich außerstande sähe, mich "zu empfangen". Da habe ich zurück geschrieben: Ich könne mich nicht erinnern, dass ich um "einen Empfang" ersucht hätte.
Franz Kamphaus, der langjährige Bischof in Limburg, fehlt mir, seit er zu den Behinderten in Aylmannshausen losgezogen ist. Er war sich seiner Bischofswürde nicht ausschließend bewusst, er trug sie nicht wie einen exklusiven Besitz vor sich her. Ich habe versucht, mit zwei deutschen Bischöfen als "Ersatz" für Franz Kamphaus einen Kontakt aufzubauen. Diesen Bischöfen fehlt ein gut funktionierendes Büro, das Termine festmachen kann. Selbst Kardinal Lehmann hat kein gut arbeitendes Büro, über das jeder der über 600 Bundestagsabgeordneten unbedingt verfügen muss.
Der Kirche stehen spannende Zeiten bevor. Und immer wenn ich anfange traurig oder depressiv zu werden, denke ich an meine Erlebnisse mit der römischen Gemeinde in Rom-Trastevere zurück. Diese Gemeinde St. Egidio hatte es geschafft, in vier Jahren geduldigster Vermittlung (1987-1991) beide Kriegsparteien in Mozambique, die "Frelimo" und die "Renamo", an einen Tisch zu bringen und einen Friedensvertrag geschaffen, der bis heute hält. Ihre Sozialarbeit ist die unkonventionellste und zugleich frömmste, die ich in der Welt erlebt habe. Welche deutsche Gemeinde fängt an, ein deutsches St. Egidio zu werden?
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Sarajewo - die Seele Europas
Reiseeindrücke aus Bosnien und Herzegowina
von Stefan Jakob Wimmer
Ein zerstörtes Gebäude, man sieht an den Resten der Bögen und Ornamente, dass es ein prächtiges Gebäude war, zunächst also ein Bild, wie wir es aus so vielen, viel zu vielen Kriegsreportagen kennen. Und ein Cellist, in schwarzem Frack, voll Hingabe an seine Harmonie, nichts Ungewöhnliches in unserer vertrauten, europäischen Kultur. Doch dieser Cellist sitzt inmitten der Trümmer. Das Bild ist keine Fotomontage, es ist entstanden als Vedran Smailovic auf den Krieg in Sarajewo mit seinem Cello antwortete. Nachdem eine Granate 22 Menschen getötet hatte, die an einer Bäckerei um Brot angestanden waren, fing er an, jeden Nachmittag um 16.00 Uhr sein Cello in dem Einschusskrater auszupacken und das Adagio von Albinoni zu spielen, 22 Tage lang. Die Noten des Stücks waren 50 Jahre vorher aus der ausgebrannten Musikbibliothek in Dresden gerettet worden. Nachdem die Nationalbibliothek von Sarajewo in Brand geschossen worden war, das war in der Nacht vom 25. auf den 26.8.1992, spielte er dort. Dieses Bild des Cellisten von Sarajewo in den Ruinen der Nationalbibliothek verdient, bekannter zu werden (siehe auch hinten BUCHTIPP).
Die Nationalbibliothek war im Alten Rathaus von Sarajewo untergebracht, das Ende des 19. Jahrhunderts in "neo-maurischem" Baustil errichtet wurde. Der böhmische Architekt Alexandar Wittek hatte sich dazu in der arabischen Welt und im europäischen architektonischen Erbe Andalusiens Inspirationen geholt. Bosnien gehörte damals zu Österreich-Ungarn, die k.u.k.-Stadt Sarajewo bekam ein islamisches Rathaus. Der Brunnen, der ganz in der Nähe auf dem reizvollen Platz mit dem sperrigen Namen Bašcaršija das Zentrum der Altstadt markiert, ist ebenso austro-islamisch. Franjo-Josip, wie Großmufti Mustafa Ceric den österreichischen Kaiser Franz-Joseph voll dankbarer Hochachtung nennt, hat dem Land eine neue Blütezeit beschert, und dabei einer neuen Richtung von Islam in Europa den Weg bereitet. Denn die bosnischen Muslime waren plötzlich unabhängig vom Sultan in Istanbul, ihre Religion war nicht mehr an die Staatsmacht gekoppelt. Die Donau-Monarchie kannte den sunnitischen Islam als offizielle Religionsgemeinschaft an, förderte die Ausbildung von Imamen und gab Strukturen vor, wie das neu geschaffene Amt eines religiösen Oberhaupts, des Reisu-l-ulema ("Oberhaupt der Religionsgelehrten"), das Mustafa Ceric heute inne hat. Und die bosnischen Muslime entdeckten enthusiastisch die Freiheit der eigenen Religion! Sie verbanden sie mit der ihnen Jahrhunderte lang vertrauten Tradition der Konvivenz, des Zusammenlebens verschiedener Religionen und Konfessionen, und heraus kam ein in Europa geprägtes und beheimatetes Gesicht von Islam, das für die Prozesse, die wir heute vor dem Hintergrund migrationsbedingter Herausforderungen auch in Deutschland bewältigen müssen, viel versprechende Perspektiven und bewährte Erfahrungen in Aussicht stellt.
Grund genug für die Freunde Abrahams, in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Stadtakademie und mit der Islamischen Gemeinde Penzberg, eine Reise "Auf der Suche nach dem europäischen Islam", vom 5. bis 12. Oktober 2008 zu organisieren.
Im Jahr zuvor war Andalusien unser Reiseziel gewesen, und mit dabei hatten wir eine Faksimile-Ausgabe einer besonders bekannten und schönen Haggada-Ausgabe (ein jüdisches Ritualbuch für die Seder-Nacht am Pessach-Fest), die im Spanien des 14. Jahrhunderts entstanden war. Als 1492 nicht nur die Muslime, sondern auch die Juden dort vertrieben und ihre Bücher verbrannt wurden, retteten Flüchtlinge die Haggada und nahmen sie mit ins Osmanische Reich, wo sie aufgenommen wurden und sich schließlich in Sarajewo niederließen. Ein weiteres Mal musste die Haggada von Sarajewo im Zweiten Weltkrieg gerettet werden, als die traditionsreichen jüdischen Gemeinden in Bosnien von den Nationalsozialisten und Faschisten nahezu ausgelöscht wurden. Und 1992 - genau 500 Jahre nach der Vertreibung der Juden aus Spanien - nahmen serbische Stellungen von den Bergen, die Sarajewo umgeben, die Nationalbibliothek gezielt in Beschuss. Dabei verbrannten 90% der 1,2 Millionen Bände, einschließlich unwiederbringlicher Handschriften aus der Zeit des Bosnischen Königreichs im Mittelalter. Die Haggada gehörte glücklicherweise nicht dazu, denn sie war im Landesmuseum ausgestellt. Auch das Museum wurde aber Ziel der Angriffe, und noch einmal - zum hoffentlich letzten Mal! - musste das Buch von einem Mitarbeiter des Museums unter Einsatz des eigenen Lebens gerettet werden. Er war, genau wie sein Vorgänger, der die Haddaga vor den Nazis in Sicherheit gebracht hatte, ein bosnischer Muslim.
Bosnien kann Geschichten erzählen! Der jugoslawische Literaturnobelpreisträger Ivo Andric (1892-1975) - wir besuchten sein Geburtshaus in Travnik - hat unter dem Titel "Liebe in einer kleinen Stadt" jüdische Geschichten aus seiner Heimat gesammelt. Einmal, ein einziges Mal, hätte es zu einem Pogrom kommen sollen. Ein muslimischer Konvertit hatte 1817 die jüdische Gemeinde von Travnik denunziert, doch der osmanische Pascha ging nicht auf die Anschuldigen ein, sondern ließ stattdessen den Denunzianten, weil er mutwillig den Frieden zwischen den Religionsgemeinschaften aufs Spiel gesetzt hatte, hinrichten. Als daraufhin der Pascha von Sarajewo zehn Juden inhaftieren ließ, gingen 3000 Muslime der Stadt auf die Straße und forderten die Freilassung ihrer jüdischen Nachbarn! In Bosnien wurden - bis zum Zweiten Weltkrieg - niemals Juden verfolgt. Es gibt nicht viele Länder in Europa, die das von sich sagen können.
So findet man in Sarajewo eine aschkenasische Synagoge aus der k.u.k.-Zeit, und zwei sephardische in der Altstadt, von denen eine zu den ältesten Synagogen Europas zählt. Schräg gegenüber steht die alte serbisch-orthodoxe Kirche, rechts die Hauptmoschee von Gazi-Husrev-Beg und links die katholische Kathedrale und die neue orthodoxe Kathedrale, an deren Bau sich der türkische Sultan finanziell beteiligt hatte. Es ist diese einmalige Dichte von Gottes- und Gebetshäusern der verschiedenen Religionen und Konfessionen mitten im historischen Zentrum der Stadt, die Sarajewo, das "europäische Jerusalem", unvergleichlich macht.
Dabei ist die Bevölkerungsstruktur heute, nach dem Krieg von 1992 bis 1996, nicht mehr so pluralistisch, wie sie immer war. Heute ist Sarajewo eine fast ausschließlich muslimische Stadt - und dabei, so bemerkten es Reiseteilnehmer, wirkt sie auf den Besucher doch nicht exotisch und fremd, wie wir islamische Umgebung auf Urlaubsreisen oft wahrnehmen. Zwar kann man in Sarajewo noch einen Muezzin erleben, der persönlich das Minarett besteigt und life, ohne Lautsprecher, zum Gebet mehr einlädt als bedrängt, aber gleichzeitig Menschen mit und ohne Kopftuch, Lokale mit und ohne Alkohol, Geschäfte, eine Fußgängerzone, eine Trambahn (die älteste Europas, man merkt es ihr an), eine Brauerei gegenüber dem Franziskanerkloster, das wiederum gleich hinter der Kaisermoschee liegt, in der der Reisu-l-ulema seinen Amtssitz hat.
Dass wir Mustafa Ceric dort besuchten, war Ehrensache, schließlich hatten die Freunde Abrahams ihn 2007 nach München an die LMU eingeladen, um seine "Deklaration europäischer Muslime" zu diskutieren (die "Deklaration" ist in den Blättern Abrahams 6, 2007, erstmals in deutscher Sprache erschienen). Viele weitere, wertvolle Besuchstermine verdankten wir dem Engagement von Imam Benjamin Idriz und der Vizedirektorin des Islamischen Forums Penzberg, Gönül Yerli.
Die Oberbürgermeisterin Semiha Borovac, eine moderne Muslima, lud die ganze Gruppe nach dem Gespräch im Rathaus zum Mittagesen in ein traditionelles Restaurant ein. Der Schriftsteller Dževad Karahasan sprach davon, in Sarajewo Muslim zu sein, bedeute, mit einem Franziskaner Freundschaft zu schließen, und bewies es, indem er den Frater Mile Babic mitbrachte, der seinerseits bei der Vereinigung "Abraham" engagiert ist - einer Dialoggruppe, die in Sarajewo gegründet wurde, noch bevor es die Freunde Abrahams in München gab. In der Islamischen Theologischen Fakultät - wieder ein bemerkenswertes, austro-islamisches Bauwerk - und in der Gazi-Huserv-Medrese wurden wir über die Ausbildung von Religionspädagogen und Imamen informiert. Der deutsche Botschafter Joachim Schmidt und der Journalist Erich Rathfelder (empfehlenswert: Schnittpunkt Sarajevo, Schiler Vlg. 2006) brachten dagegen die großen Schwierigkeiten zur Sprache, die das Land in Folge des Krieges heute noch sehr stark belasten. Sehr eindrücklich tat dies auch der katholische Weihbischof Pero Sudar. Auf einen auffällig überdimensionierten, neuen Kirchturm angesprochen, der seit Kurzem das Stadtbild von Mostar ebenso prägt, wie ein 33 Meter hohes Kreuz, das über der Stadt auf eben jenem Hügel errichtet wurde, von dem aus katholische Kroaten den muslimischen Teil der Stadt beschossen hatten, warnte er davor, dass religiöse Symbole als Idole missbraucht würden, wenn sie die eigene Zugehörigkeit in den Vordergrund rückten, und die Liebe Gottes, die immer auch die Achtung vor anderen voraussetzt, in den Hintergrund.
In Mostar, Hauptstadt der Herzegowina, gingen wir nachdenklich über die berühmte, zerstörte und wiederaufgebaute Brücke über die Neretva, freuten uns über die sehr reizvoll wiederhergestellte Altstadt, sahen aber auch erschütternd präsente Zeugen der Zerstörung entlang der Frontlinie, die spürbar schmerzhaft wurden, als Nermina Idriz, die Frau des Imams von Penzberg, die uns begleitete und aus Mostar stammt, ihre eigenen schweren Erinnerungen mit uns teilte.
Schwer war auch der Tag, der uns in Begleitung von Mitgliederen der Gruppe "Mütter von Srebrencia" zur Gedenkstätte Potocari brachte, die an den Genozid vom 11.7.1995 an Tausenden bosnischer Muslime erinnert. Haben wir es wirklich verstanden, dass vor so kurzer Zeit vor unseren Augen mitten in Europa ein Völkermord an Muslimen stattgefunden hat? Und haben wir realisiert, welche Leistung in Bosnien vollbracht wurde, als es gelang, diesen Konflikt trotz unbeschreiblicher Grausamkeiten nicht in einem endlosen Kreislauf von Hass und Vergeltung weiter zu führen, sondern ihn, bei allen bleibenden Problemen, zu überwinden? Bei dem riesigen Friedhof von Srebrenica, nahe der endlosen Gedenkwand mit unzähligen Namen, steht in Bosnisch und Arabisch das Gebet, das Mustafa Ceric bei der Weihe der Gedenkstätte 2001 gesprochen hat:
"Wir bitten Dich, allmächtiger Gott: Lass aus Trauer Hoffnung werden,
aus Vergeltung Gerechtigkeit, aus den Tränen der Mütter Gebete,
dass Srebrenica nie wieder geschieht, nirgendwo und niemandem!"
Nicht allen Teilnehmern war vor der Reise klar, in was für ein faszinierendes, wenn auch schwieriges Land wir uns begeben würden. Ein besonders schönes Erlebnis wurde für viele zu einem der bewegendsten Eindrücke der Reise. In einer Schule mit besonderem Schwerpunkt Musikausbildung führten uns Jugendliche unterschiedlicher Religionen und Konfessionen gemeinsam traditionelle, islamische Musik vor, mit modernen Elementen vermischt, mit traditionellen und modernen Instrumenten, mit und ohne Kopftuch, und heraus kam ein harmonischer Zusammenklang voll unbeschreiblicher Ausdruckskraft, Heiterkeit und Zuversicht.
Am letzten Abend saßen wir auf einer Restaurantterrasse am Berghang und schauten auf die beleuchtete Stadt hinunter. Und verstanden spätestens dann, was Europa von Sarajewo lernen kann. Mustafa Ceric kleidete es in Worte, als er wenige Wochen später wieder nach München kam (siehe den folgenden Beitrag): da liegen die Moscheen, Kirchen und Synagogen aneinandergereiht wie die Perlen einer Gebetskette, sei es nun ein Rosenkranz oder ein islamischer Tesbih.
Ein Dankeschön geht an unsere Penzberger Freunde, die uns diese Eindrücke vermittelt haben, an Jutta Höcht-Stöhr, die die Reise für die Evangelische Stadtakademie mitgetragen hat, und an Andrea Gramann, die bei den Vorbereitungen mitgeholfen hat. Bei der Stadt Sarajewo haben wir uns mit einer kleinen, symbolischen Spende für den Wiederaufbau des Alten Rathauses, der Nationalbibliothek, bedankt, dieser tiefgründigen Ikone einer tiefgründigen europäischen Stadt.
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München - ein bayerisches Sarajewo ?
von Stefan Jakob Wimmer
Wenn er noch häufiger käme, würde er eines Tages sagen können: "Ich bin ein Bavarian", meinte Großmufti Mustafa Ceric, als er im Sommerschloss der bayerischen Könige, im Hubertussaal in Nymphenburg, zu Gast war. Ein Jahr zuvor hatte das Oberhaupt der bosnischen Muslime auf Einladung der Freunde Abrahams das Audi Max der LMU gefüllt, um seine Vorstellungen von einem in Europa beheimateten, mit den Werten und Normen einer demokratischen, freiheitlichen Gesellschaft verträglichen Islam vorzustellen (eine Dokumentation des Besuchs als ABRAHAMS POST SPEZIAL ist für 3,- Euro erhältlich). Am 22. November 2008 sollte ihm für seine Mitwirkung an der an die Christen der Welt gerichteten Dialoginitiative von 138 islamischen Autoritäten "A Common Word Between Us and You" ein Preis der Eugen-Biser-Stiftung verliehen werden. Am Vorabend der Preisverleihung konnten wir den Reisu-l-ulema für ein NYMPHENBURGER GESPRÄCH gewinnen, das der Journalist Matthias Drobinski von der Süddeutschen Zeitung mit ihm führte. Thema: "Islam in Europa - Neue Ansätze im Dialog".
Der Abend gewann unerwartet an Brisanz, weil ein Journalist des Kölner Stadtanzeigers Vorwürfe gegen Ceric, die ein halbes Jahr zuvor durch die Medien gegangen waren, hochgekocht hatte, er unterstütze fundamentalistische Tendenzen. Dabei hatte der Journalist "übersehen", dass dabei entsprechende Äußerungen von Ceric in ihr Gegenteil verkehrt worden waren. Schon damals hatte der Großmufti in einem offenen Brief an Bunderskanzlerin Merkel bekräftigt: "Offenbar hat allein der Gebrauch des viel strapazierten Begriffs shari'ah genügt, um an meiner Argumentation vorbei auf falsch verstandene Stereotypen zu rekurrieren. Eine Interpretation und Anwendung islamischen Rechts, die nicht auf Zeit und Raum bezogen ist, ist aus islamischer Sicht verfehlt. Im Europa des 21. Jahrhunderts kann und muss islamisches Rechtsverständnis im Sinne eines von mir geforderten Gesellschaftsvertrages (social contract) mit den hier geltenden Werten von Staat und Gesellschaft harmonisieren, wie sie beispielhaft etwa im Deutschen Grundgesetz und nun auch im Vertrag von Lissabon niedergelegt sind." In Nymphenburg wiederholte Ceric, dass er beispielsweise aus seinem Verständnis von Scharia her ein erklärter Gegner der Todesstrafe sei. Am nächsten Tag konnte Bundesinnenminister Schäuble dann bei der Eugen-Biser-Preis-Verleihung darauf eingehen: "Wir werden lernen müssen, den Islam als Teil unserer Lebenswirklichkeit zu akzeptieren. Und wir sollten noch größere Anstrengungen unternehmen, um den Prozess des 'heimisch Werdens' der Muslime in Deutschland und Europa zu begleiten. Umgekehrt sind die Muslime Europas vor die Herausforderung gestellt, ihr Glaubensverständnis zu modernisieren. Dieser Prozess ist zentral für das Ankommen der Muslime in den modernen europäischen Gesellschaften. Der Islam muss sich ein Stück weit europäisieren, wenn die Muslime sich als europäische, deutsche und - weil wir nun hier in München sind - Münchner Muslime in ihre Lebensumwelt einbringen wollen."
In seiner Dankesrede schilderte Ceric die räumliche Nähe der Moscheen, Kirchen und Synagogen in Sarajewo mit dem gegen Ende des obigen Beitrags beschriebenen Bild; er zeigte sich beeindruckt von der Bereicherung des Münchner Stadtbilds durch die neue Ohel Jakob Synagoge und meinte dann, München habe ein Potential, "im guten Sinne ein deutsches oder bayerisches Sarajewo" zu werden.
Solche Perspektiven verdichten sich, nachdem die Landeshauptstadt unter der Federführung von Bürgermeister Hep Monatzeder jetzt klare Signale zur Unterstützung der Ideen von Imam Benjamin Idriz für ein "Zentrum für Islam in Europa - München" ausgesandt hat. Unter Monatzeders Leitung reiste im Januar 2009 eine gemeinsame Delegation von Stadträten und Landtagsabgeordneten aller Fraktionen nach Sarajewo, um sich dort über das Zusammenleben und über die Ausbildung von Imamen zu informieren. Auf Wunsch von Imam Idriz durfte ich die Reisegruppe durch das diesmal allerdings sehr kalte, und vom russisch-ukrainischen Gasstreit betroffene Sarajewo begleiten. Ein Bericht von Monika Maier-Albang erschien am 16.1.2009 in der Süddeutschen Zeitung. Zu den Ergebnissen der Reise gehörte, dass Imam Idriz und Gönül Yerli die Initiative ZIEM am 17. Februar im Großen Sitzungssaal des Neuen Rathauses offiziell vorstellen durften - diesmal berichtete das Bayerische Fernsehen. Zu den Ergebnissen gehörte auch, dass Politiker aller Parteien, einschließlich der CSU, diese Pläne jetzt unterstützen. CSU-Fraktionschef Josef Schmid steht "voll und ganz" hinter dem Projekt. "Die Initiatoren werben in klarer Abgrenzung zum fundamentalistischen Islamismus offensiv für unsere Verfassung und unsere Grundwerte. Das schafft in mir Vertrauen." Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.
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Die gute Nachricht
90 % weniger Kriege!
Es ist kein positiv gemeinter Aprilscherz und keine Zeitungsente: Seit dem Ende des Kalten Krieges 1991 ist die Zahl der Kriege (mit mehr als 1000 Todesopfern jährlich) weltweit um 90 % zurückgegangen. Eine seriöse Untersuchung des kanadischen "Human Security Centre" belegt weiter, dass im selben Zeitraum 100 gewaltsame Konflikte friedlich beendet und 62 Diktatoren friedlich gestürzt wurden.
Das einzig Negative an dieser Meldung ist, dass sie so gut wie gar nicht bekannt geworden ist. Warum? Weil in der Medienwelt "good news is no news", oder deutlicher noch: "blood sells", gilt? Weil unser Bild von der Wirklichkeit ganz anders ist und wir nicht wahrnehmen, was wir nicht glauben wollen?
(Quelle: Reportage des Bayerischen Rundfunks, Kulturjournal v. 1.3.2009, Bayern 2)
Die gute Nachricht?
Schon lange wünschen wir uns diese Rubrik, denn unserem wichtigsten Ziel, Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammen zu bringen, werden ja nur allzu oft Steine in den Weg geworfen, und die schlechten Nachrichten reißen leider nicht ab. Die Lichtblicke sind es, die uns Mut machen und Kraft geben zum Weiterarbeiten. Unbestritten enthalten viele der Beiträge in der Abrahams Post ihre eigenen Lichtblicke: jede Dialogveranstaltung ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Nun sind wir aber auf der Suche nach den größeren Schritten: nach Ereignissen, die ein ganz eigenes Licht in unsere Zeit werfen, das man nicht so schnell wieder vergisst. Ein Licht, das in "Zeiten des Abbruchs" den Weg finden hilft.
Haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, das schon einmal versucht? Im Dickicht der täglichen Nachrichten wirklich "gute Nachrichten" zu entdecken? Dann werden Sie gemerkt haben, es ist eine wahrhafte Sisyphosarbeit.
Aber vielleicht haben Sie Lust, weiter zu suchen? Wir möchten mit Ihrer aller Hilfe diese Rubrik "Die gute Nachricht" am Leben erhalten.
Senden Sie uns Ihre Fundstücke, per Post an die Geschäftsstelle oder per E-Mail an info@freunde-abrahams.de. Dies ist Ihre Seite: füllen Sie sie!
Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften.
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Maria woher hast du das? - Frauengestalten im Koran
von Abu Safíja
Was der Koran von Frauen offenbart, weist über enge Horizonte jeder Art hinaus: da wurde der Mensch als Mann und Frau geschaffen, aus einer Seele. Da sind Frauen fehlbar und können irren, sie können aber auch zum Vorbild für alle Menschen werden - Männer eingeschlossen. Sie klagen ihre Rechte ein, sie können über Reiche herrschen. Sie sind es, die den Heilsplan Gottes voranbringen und schließlich die Offenbarung bewahren.
Anhand kurzer Darstellungen zu Eva, Sara und Hagar, der Königin von Saba, Maria und weiterer Frauengestalten, möchte das kleine Buch den Lesern helfen zu entdecken, in welchem Licht die "andere" Heilige Schrift das gemeinsame Menschsein erscheinen lässt.
Der Druck wurde durch einen Zuschuss der Freunde Abrahams gefördert, und das mit Blick auf das Thema geprägte Pseudonym verweist auf einen Autor, den wir alle gut kennen.
Edition Avicenna, München 2008, 96 S., ISBN 978-3-9809384-4-0, € 9,90.
Der Cellist von Sarajevo
von Steven Galloway
Das spektakuläre Bild, das Vedran Smailovic mit seinem Cello in den Ruinen der Nationalbibliothek von Sarajewo zeigt (siehe Beitrag Seite 19), hat den 1975 in Kanada geborenen Autor zu einem Roman über den Krieg und über die Menschlichkeit angeregt:
Bosnien, Anfang der 90er Jahre. Tag und Nacht wird das belagerte Sarajewo aus den Bergen ringsum beschossen. Die Bürger der Stadt leben in Angst, Nahrung und Wasser werden knapp. Doch immer wieder gibt es Menschen, die dem Irrsinn des Bürgerkriegs trotzen. Allen voran ein couragierter Musiker, der sich zum Zeichen des Protests gegen das sinnlose Leid jeden Tag um vier Uhr nachmittags im Frack mit seinem Cello inmitten der Ruinen auf die Straße setzt und das Adagio von Albinoni spielt, zweiundzwanzig Tage lang.
Luchterhand München 2008, 238 S., ISBN 978-3-630-87279-7, € 19,95.
Wir empfehlen für Beratung, Recherchen und Bestellungen
zu allen lieferbaren Büchern die Buchhandlung AVICENNA, Amalienstraße 91, Tel. 28 98 67 67,
www.buchhandlung-avicenna.de
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Galizien und die Bukowina neu entdecken:
Auf jüdischen Spuren in Osteuropa
10-tägige Flug- und Busreise, 03.-12. September;
Text Burkard Grahn (IBB - Internationales Bildungs- und Begegnungswerk)
Galizien und Bukowina waren in der Geschichte ein Treffpunkt der Kulturen, Nationen und Religionen. Die Reise folgt den Spuren dieser Zeit und vermittelt ein Gespür für diese durch den Zweiten Weltkrieg zerstörte Multikulturalität. Der östliche Teil des alten Galizien und die Bukowina liegen heute in der Ukraine, der westliche Teil in Polen.
Das alte und neue kulturelle Zentrum Westgaliziens ist Krakau. Hier beginnt die Reise. Krakau ist lebendige polnische Nationalgeschichte. Die Altstadt spiegelt den Reichtum dieser Handels- und Hansestadt im "Goldenen Zeitalter" wider, der Schlossberg Wawel erinnert an Zeiten, als Krakau Polens Hauptstadt war. Im Ortsteil Kazimierz treffen wir die Spuren des ehemaligen jüdischen Viertels, wo jüdische Einwanderer aus verschiedenen Teilen Europas ihr neues Auskommen fanden.
Galiziens Kultur ist geprägt von starken jüdischen Einflüssen. Jüdische Kultur und Menschen wurden jedoch von den deutschen Nationalsozialisten fast gänzlich ausgelöscht. Auschwitz am westlichen Rand Galiziens im polnischen Fürstenstädtchen Oswiecim steht als Symbol des Holocaust. Die Reise widmet diesem Mahnmal für die Menschlichkeit zwei Tage mit Besichtigungen und Informationsgesprächen.
Der zweite Teil der Reise führt in die Ukraine. Zunächst ins historische Zentrum Ostgaliziens: Lemberg, ukrainisch Lviv. Bis heute ist diese Stadt die wichtigste der Westukraine, Stadt der Ukrainer, Juden, Polen usw.
Weiter geht es in die Bukowina, mit dem Ziel Czernowitz, ukrainisch Tscherniwzi. Von der Bukowina sagte Paul Celan, dass dort Bücher und Menschen lebten. Also wird die Literatur eine tragende Rolle bei der Spurensuche in dieser Stadt spielen.
Auf dem Rückweg nach Lemberg und Krakau gibt es noch Eindrücke kleinerer Orte, die ebenso ein Teil Galiziens sind. Genannt sei hier als Beispiel Zablotiv, der Geburtsort Manes Sperbers.
Anmeldung über die Geschäftsstelle; die Reiseausschreibung finden Sie hier (pdf); auf Wunsch senden wir sie Ihnen gerne zu.
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